Viele Opfer des Hochwassers

Warnung erreichte viele Flutopfer im MK nicht - Landrat: „Sollte keine Panik geschürt werden“

flut maerkischer kreis
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Anwohner an der Rahmedestraße beseitigen am 15. Juli Schlamm und Schäden. Im Hintergrund ist zu erkennen, wie hoch das Wasser stand. Konkrete Warnungen erhielten sie erst, als die Fluten schon da waren.

Viele Opfer des Hochwassers wurden von den Fluten am 14. und 15. Juli überrascht, in den Gesprächen gaben sie an, dass sie nicht rechtzeitig gewarnt wurden. Unsere Redaktion fragte beim Märkischen Kreis als vor Ort zuständige Katastrophenschutzbehörde nach.

Märkischer Kreis – Kreisbrandmeister Michael Kling und Landrat Marco Voge antworteten gemeinsam und schriftlich. Aus den Antworten wird deutlich, dass der Kreis nicht alle Menschen in den betroffenen Gebieten erreichte und wenn meist erst dann, wenn das Hochwasser schon da war.

Wann und durch wen erfuhren Sie erstmals von der möglichen Unwettergefahr für den Mittwoch im Märkischen Kreis?
Unwetter dieser Art sind in ihrer Intensität und Örtlichkeit sehr, sehr schwer vorherzusagen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat mehrfach Warnungen ausgesprochen, sowohl in Radio, TV und auch über die Warn-App NINA. Aber auch hier kam der Hinweis, dass die genaue Örtlichkeit variieren kann und nicht genau bestimmt werden kann. Schon Mittwochvormittag ist die Einsatzleitung im Brandschutz- und Rettungsdienstzentrum Rosmart zusammengekommen und hat die Lage sehr genau analysiert und erste Einsätze koordiniert. Die Großeinsatzlage, also der Katastrophenfall, ist um 14.15 Uhr ausgerufen worden.
Wann hat der Märkische Kreis die Bevölkerung erstmals gewarnt und wie?
Die Warnung der Bevölkerung obliegt zunächst einmal den Städten und Gemeinden. Die Warnungen werden also über die Kommunen angestoßen. Dort, wo es nötig und sinnvoll war, gab es eine punktuelle Evakuierung der Bevölkerung durch die Einsatzkräfte vor Ort.
Über die Nina-Warnapp Nina wurde am Mittwoch, 14. Juli, um 20.04 Uhr erstmals vor Gefahr durch Hochwasser/Überflutung gewarnt. Die ersten Überflutungen in Nachrodt-Wiblingwerde wurden am frühen Morgen gemeldet, in Altena gab es Überflutungen weit vor 15 Uhr. In Lüdenscheid begannen die Überschwemmungen in Brügge, Wettringhof, Rahmede gegen 18 Uhr. Hat der Märkische Kreis die Bevölkerung aus heutiger Sicht rechtzeitig gewarnt?
Die Warnung vor Überflutungen hatte der DWD mehrfach ausgesprochen – erstmals in der Woche davor, dann auch in den Tagen davor und am Unwettertag selbst. Neben den allgemeinen Warnungen über die verschiedenen Kanäle waren an diesem Tag punktuelle Warnungen und Maßnahmen sinnvoller, als eine flächendeckende Alarmierung der Bevölkerung. Warnungen machen nur dann Sinn, wenn sie der Bürger auch nachvollziehen kann. Es hat ein differenziertes Einsatzbild gegeben. Über die Kreisleitstelle ist am Mittwoch um 20.04 Uhr nochmal aktiv mit Nina gewarnt worden – um die Menschen vor Ort aufzurütteln, dass das Unwetter nicht vorbei ist, sondern die Folgen am Abend und in der Nacht andauern werden.
Landrat Marco Voge.
Was war der Grund dafür, dass nicht vorher eine Warnmeldung aus der Kreisleitstelle an die Bevölkerung herausging?
Es sind vorab viele Warnungen ausgesprochen worden. Unsere Einsatzkräfte waren bereits vor Ort und haben punktgenau eingegriffen beziehungsweise punktuell evakuiert. Dass sie vor Ort waren, hatte eine viel effektivere Wirkung, als generelle Warnungen auszusprechen, weil das Einsatzbild und die Lagen in den Städten unterschiedlich waren.
Welche Instrumente zur Warnung der Bevölkerung stehen der Kreisleitstelle in einer Großeinsatzlage grundsätzlich zur Verfügung?
Warnungen über Nina, Sirenen, Radio und Presse.
Welche Instrumente wurden am 14. und 15. Juli genutzt? Und wann?
Bis auf die Sirenen sind alle Instrumente genutzt worden. Dass die Sirenen nicht genutzt worden sind, hatte mehrere Gründe. Unter anderem sollte keine Panik geschürt werden. Deshalb hat es punktgenaue Einsätze und Evakuierungen gegeben. Die Kreisleitstelle hat darüber hinaus Warnungen an die Redaktion von Radio MK übermittelt.
Wie viel Prozent der Bevölkerung im Märkischen Kreis erreichen Sie über die Warn-App Nina? Wie viele haben Sie erreicht?
Bundesweit haben etwa 9 Millionen Nutzende die Warn-App Nina installiert. Dem Märkischen Kreis liegen keine Angaben darüber vor, wie viele Menschen kreisweit die Warn-App heruntergeladen haben, weil man sich für die App nicht registrieren muss. Wir haben keinen Zugriff auf die Zahlen. Diese Informationen liegen dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz vor.
Können über die Warn-App Nina auch in kleineren Einheiten als im Kreis gewarnt werden, zum Beispiel nur in Altena?
Ja.
Wie beurteilt der Märkische Kreis die Zweckmäßigkeit der Katastrophen-Warnapp NIna, über die inzwischen neben allerlei Wetterwarnungen auch die Coronaschutzregeln gepusht werden?
Die Warn-App Nina ist ein wichtiger Informationskanal, um Menschen über Gefahren zu informieren. Ob drohender Starkregen, ausgetretene Gefahrstoffe oder auch ein Großbrand – mit Hilfe von Nina kann die Bevölkerung schnell und zuverlässig gewarnt werden und sich entsprechend schützen. In die App integriert sind unter anderem Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes. Darüber hinaus gibt es vielfältige Informationskanäle (Socia Media, Presse, Radio) sowie zahlreiche Wetter-Apps.
Wurden die Kreise in der Katastrophen-Situation am 14./15. Juli durch übergeordnete Behörden allein gelassen?
Die vorgeplanten Katastrophenschutzkonzepte haben in diesem Ernstfall gegriffen. Die Zusammenarbeit zwischen Einsatzleitung, Feuerwehr, Polizei und sämtlichen Hilfsorganisationen hat sehr gut funktioniert. Es hat sehr enge Absprachen unter anderem mit dem Bezirksbrandmeister, der persönlich vor Ort war, gegeben. Auch den überörtlichen Einsatzkräften ist es zu verdanken, dass die Lage in der akuten Not gut bewältigt wurde.
Die heimischen und überörtlichen Einsatzkräfte haben am 14., 15. und auch danach bis zur Erschöpfung und darüber hinaus gearbeitet. Warum hat man sich gegen einen Einsatz der Bundeswehr (wie in Hagen) entschieden, um die Einsatzkräfte zu entlasten?
Ein Bundeswehreinsatz ist im Brandschutz- und Rettungszentrum vorgeplant worden, letztendlich wurde er – auch dank der großen Unterstützung der Einsatzkräfte aus den Regierungsbezirken Arnsberg und Detmold – nicht mehr benötigt. Es hat sich gezeigt, dass wir uns in höchster Not auf unsere Polizei, die Feuerwehren, das THW, das DRK, die Malteser, den ASB, die Johanniter, die DLRG und viele weitere verlassen können. Sie haben ebenso Herausragendes geleistet, wie die vielen privaten Helferinnen und Helfer sowie Unternehmen. Auch die Werksfeuerwehren waren eine enorme Hilfe, die unter anderem mit Pumpen und mit Personal unterstützt haben.
Es handelte sich um einen Jahrhundertregen. Man muss allerdings davon ausgehen, dass es bis zum nächsten solchen Ereignis keine hundert Jahre dauern wird. Reichen aus heutiger Sicht die Instrumente zur Warnung der Bevölkerung im Katastrophenschutz aus? Welche neuen Instrumente sind notwendig oder wünschenswert?
Bei der Warnung vor Katastrophen können wir uns nicht allein auf digitale Systeme verlassen. Diese Warnungen reichen bei Stromausfällen oder unterbrochenen Mobilfunknetzen nicht aus. Deshalb spielt die Sirene auch in Zukunft eine wichtige Rolle. Der Märkische Kreis steht im engen Austausch mit der Bezirksregierung und den Kommunen, um Konzepte abzustimmen. Sirenen, die bei uns technisch dazu in der Lage sind, wurden bereits auf die Tonfolgen programmiert. Sämtliche Bestandsirenen sind auf das Alarmierungssystem in der Kreisleitstelle aufgeschaltet. Die Umsetzung der Programmierung und die Umrüstung der Sirenenanlagen obliegt den Städten und Gemeinden. Im Märkischen Kreis sind alle Kommunen mit der Umsetzung der Sirenenwarnkonzepte intensiv befasst. Dies betrifft den Austausch der alten Sirenen gegen neue digitale Sirenen, als auch den weiteren Ausbau. Zur Wahrheit gehört aber auch: Einen 100-prozentigen Schutz vor solchen Unwettern gibt es leider nicht. Es gilt, Maßnahmen zu ergreifen, die die Folgen einer solchen Katastrophe in Zukunft deutlich eindämmen. Besser werden können wir immer. Das Unwetterereignis hat gezeigt, dass eine weitere Sensibilisierung und ein guter Informationsfluss in der Bevölkerung wichtig ist. Auch bei uns im Märkischen Kreis werden wir da weiter aktiv dran arbeiten. Denn das bedeutet ein Plus an Sicherheit. Dahingehend wird es eine Informationskampagne geben. Darüber hinaus begrüßt der Kreis die Debatte auf Bundesebene mit den Mobilfunkbetreibern. Stichwort Warnungen per SMS.

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