Auf der Walz durch die Welt: Geselle Simon Windgassen kehrt Heimat den Rücken

Voller Elan geht es über das Lüdenscheider Ortseingangsschild.

LÜDENSCHEID - Es ist 14.22 Uhr gestern Nachmittag, als Simon Windgassen das Ortseingangsschild von Lüdenscheid- Brügge übersteigt. Für drei Jahre und einen Tag wird er nun wohl nicht mehr in seine Heimat zurückkehren.

Im Sommer beendete der 21-Jährige seine Dachdeckerlehre. Jetzt begibt er sich auf Walz. Doch bevor es losgeht, muss der aufgeweckte junge Mann seine erste Hürde überwinden. Im Kreise seiner Familie und einiger Freunde folgt der Lüdenscheider dem Abschiedsritual der „Fremden Freiherrschacht“. Und so muss Simon, nur mit Hilfe eines Löffels und seiner Hände, ein tiefes Loch in den Boden graben. Am Ende muss der Stenz, der Wanderstab der Handwerksgesellen, komplett im Loch verschwinden. Der Brauch stammt aus alten Zeiten. Damals vergruben die Wandergesellen ihre Erinnerungen und Grüße ihrer Liebsten in der Erde. Auch Simon ackert sich mühsam durch das Erdreich. Dabei lassen ihn dicke Wurzeln und allerhand Steine nur schwer vorankommen. Schließlich gehen ihm eine Freundin und seine Brüder tatkräftig zur Hand. Nach etwa eineinhalb Stunden ist das Werk vollbracht – das Loch tief genug.

Beobachte wird das ganze Spektakel von „Earl“. Der Maurergeselle aus Rust ist seit zwei Jahre auf Wanderschaft. Vor sechs Wochen traf er an einem Gesellentreffpunkt, einer so genannten Bude, auf den jungen Lüdenscheider. Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut. Schnell beschließen sie, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Sechs Wochen lang werden sie nun Weggefährten sein.

Nach dem das Loch im Boden endlich fertig ist, darf sich jeder Einzelne persönlich von Simon verabschieden. Dabei fließen insbesondere bei Simons Familie reichlich Tränen. „Ich habe es ja schon lange gewusst“, so die Mutter. Denn: Bereits während eines Praktikums vor der Ausbildung traf Simon auf zwei Wandergesellen. „Sie haben mir erzählt, was sie alles erlebt haben. Von da an stand für mich fest, dass ich das auch tun müsste“, erinnert sich Simon an die Geburtsstunde seines Entschlusses.

Ohne Handy und mit nur fünf Euro sowie finanziellen Zugaben der Familie in der Tasche, macht sich der 21-Jährige auf den Weg. Während der gesamten Zeit darf er kein Geld für Unterkunft und Fortbewegung ausgeben, und sich seiner Heimat nicht mehr als 50 Kilometer nähern. Sein erstes Ziel ist Köln. Dann soll es weiter gehen ins Allgäu. Dort wartet der erste Job auf den jungen Lüdenscheider, der auf seiner Wanderschaft vor allem seine handwerklichen Fähigkeiten weiterentwickeln und die Welt kennen lernen will.

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