Ein Weltbild in Trümmern

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Walter Plathe als der historische Droschkenführer „Der eiserne Gustav“.

LÜDENSCHEID - Was bleibt, ist die Frage, was Peter Lund und Martin Woelffer als Regisseur wirklich transportieren wollten, als sie Hans Falladas literarisches Denkmal vom „Eisernen Gustav“ im Juni diesen Jahres erstmals auf die Bühne brachten. Die historische Droschkenfahrt Berlin-Paris-Berlin im Jahr 1928 als Symbol der Völkerverständigung und Rebellion gegen die automobile Konkurrenz oder eine Familiengeschichte am Ende des Kaiserreiches, in einer Kriegs- und Nachkriegszeit, in den letzten Jahren der Weimarer Republik.

Um beides gleichermaßen kraftvoll zu inszenieren, dafür konnte die Vorstellung der Komödie Winterhuder Fährhaus nicht mit der Dramatik des Stoffes mithalten. So rückte im Kulturhaus die Familiengeschichte der Hackendahls in den Fokus und machte das aussterbende Gewerbe „Droschke“ eher zur Randerscheinung. Gustav Hackendahl, der im wirklichen Leben Hartmann hieß, herrscht wie „sein“ Kaiser als sturer Patriarch über seine Familie, poltert, schlägt seine Kinder, beleidigt seine Frau, die über die Jahrzehnte sogar den eigenen Vornamen verloren hat und zu „Muttern“ (Dagmar Biener) geworden ist. Sohn Otto schwängert heimlich die missgestaltete Näherin (Anja Pahl), Sohn Erich (Felix Maximilian) be-stiehlt den Vater, Tochter Eva (Magdalena Steinlein) driftet auf ihrer Suche nach Freiheit ins Rotlicht-Gewerbe ab, selbst Mustersohn „Bubi“ Heinz (Björn Harras) schmeißt am Ende die Schule und sich lieber an die halbseidene Französin Tinette heran. Kurzgeschichte einer zerfallenden Familie, an deren Ende das Weltbild des Droschkenkutschers in Trümmern liegt.

Sicher, die Rolle des Gustavs ist dem Schauspieler Walter Plathe förmlich auf den fülligen Leib geschrieben, wenn er da poltert und schreit, grantelt und despotisch auf seine Kinder einschlägt und doch hier und da die verletzte Seele zeigt. Aber genau das lässt auf der Bühne keinen Raum, um ein Profil für die anderen Charaktere zu entwickeln. In langen Passagen sind die Familienmitglieder gezwungen, das „Warum“ und „Wie“ des innerfamiliären Zerfalls zu erklären. Plathe in seiner tragikomischen Rolle prägt die Inszenierung, an der lediglich „Muttern“ ein wenig teilhaben und am Ende sogar wieder das Recht auf ihren Vornamen Elsbeth haben darf. 700 Seiten Fallada-Roman in gute zwei Stunden Inszenierung zu bringen, erfordert Einschnitte. Überwiegend spielt das Stück in der Hackendahl’schen Wohnstube, in der das Sofa am Bühnenrand zum Kutschbock umfunktioniert wird. Die Reportage aus dem Radio über die Nostalgiefahrt nach Paris ist die Klammer, die das Stück hält, hübsche Details wie die „Morgenpost“ im guten alten Berliner Format auf dem Kaffeetisch, die Singer-Nähmaschine, „Sozialdemokraten sind Vaterlandsverräter“ und das Abbild des Kaisers an der Wand lassen schmunzeln. „Der eiserne Gustav“ – gewiss kein vertaner November-Abend. Das Publikum belohnte das Ensemble mit lang anhaltendem Applaus. Aber irgendwie wurde man das Gefühl nicht los, dass der Beifall einzig der schauspielerischen Leistung eines Walter Plathes galt.

- Jutta Rudewig

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