Wahrheitsliebender „Ganove“ erneut verurteilt

LÜDENSCHEID ▪ Man kennt sich schon ganz gut. Deshalb bleibt die Atmosphäre im Saal 122 des Amtsgerichts auch vergleichsweise entspannt.

Vor Strafrichter Andreas Lyra und neben Strafverteidiger Heiko Kölz sitzt ein 56-Jähriger, dem man sein Alter nicht ansieht. Zahnlos und fast kahlköpfig, könnte er auch für 66 oder älter durchgehen. Das liegt an seiner ungesunden Lebensart. Seit 30 Jahren auf Droge, zuletzt Heroin, das hinterlässt Spuren.

Auch im Vorstrafenregister. 17 Eintragungen, die meisten sind Diebstähle, die im Zusammenhang mit seiner Sucht stehen. Und so ist es auch diesmal. Drei Einbrüche wirft ihm die Staatsanwältin vor. Zwei davon gibt der gelernte Werkzeugmacher, „seit geraumer Zeit arbeitslos“, unumwunden zu.

Er schildert, wie der Zufall ihn das Getränkelager der Schützenhalle Loh entdecken ließ. Er war mit einem Kumpel unterwegs. „Ich wollte kurz in die Büsche, weil ich mal pinkeln musste“, erzählt er dem Richter. „Da habe ich durch das Fenster leere Flaschen gesehen.“ Und weil die Scheiben gerade frisch verkittet waren, „habe ich das Fenster ausgekittet“ – vorsichtig, geräuschlos und ohne Schaden. Im Lager entschied er sich dann statt für das Leergut für zwei Kartons mit je sechs Flaschen Zuckerrohrschnaps der Marke Pitú. Aber nicht, weil Caipirinha so lecker wäre. „Den Schnaps wollte ich verkaufen.“ Reichte die Beute seinem Komplizen durchs Fenster raus – und setzte die Scheibe sorgfältig wieder ein.

Auch den Pkw-Einbruch am Bahnhof gibt der Mann – Knasterfahrung macht vielleicht einsichtig – offen zu. Aber wie er darauf gekommen ist, zum ersten Mal ein Navigationsgerät zu klauen, das ist Richter Lyra doch eine Nachfrage wert. Antwort: „Die Polizei hat mich früher mal gefragt, ob ich ein Navi geklaut habe. Hatte ich nicht, aber da bin ich überhaupt erst auf die Idee gekommen.“ Der Richter nimmt’s mit Humor. „Dass die Polizei Sie auf den Gedanken gebracht hat, wirkt sich nicht strafmildernd aus.“ Nur von einer Handtasche aus einem Audi, „davon weiß ich nichts“, empört sich der Angeklagte. „Ich weiß, dass ich ein Ganove bin, aber Unwahrheiten mag ich nicht.“

Seit vier Monaten ist er „clean“ – und guten Willens, es zu bleiben, wie auch Verteidiger Kölz sagt. Die Staatsanwältin beantragt 15 Monate, Kölz neun Monate, Richter Lyra bleibt im Mittelmaß: ein Jahr ohne Bewährung. Und gewährt die Möglichkeit, während der Haftzeit eine Therapie zu beginnen.

Olaf Moos

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