Nur Duisburg ist noch schlechter

Wahlbeteiligung in Lüdenscheid niedrig wie nie - Ratlosigkeit und Entsetzen

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So wenig Wahlscheine wie noch nie wurden am Sonntag ausgezählt.

Lüdenscheid – Erst mit dem letzten Briefwahl-Bezirk schaffte es Lüdenscheid bei den Kommunalwahlen am Sonntag bei der Wahlbeteiligung noch über die 40-Prozent-Marke.

22.952 Wahlberechtigte (40,17 Prozent) gaben ihre Stimmen ab – so wenig wie noch nie. Auch im landesweiten Vergleich hinkt die Bergstadt hinterher. Nur in Duisburg war die Beteiligung mit 39,1 Prozent noch schlechter. Sogar Herne und Gelsenkirchen (jeweils 41,5 Prozent) sortierten sich noch vor Lüdenscheid ein. 

Die auch historisch niedrige Wahlbeteiligung lässt die Lüdenscheider Parteienvertreter ratlos und erschrocken zurück. „Das ist eine Katastrophe“, sagt CDU-Stadtverbandschef Ralf Schwarzkopf. „In Belarus kämpfen die Menschen dafür, wählen gehen zu können. Und hier machen so wenige von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.“ Die Analyse der Wahl in Lüdenscheid

Er führt die geringe Wahlbeteiligung auch auf die fehlende Identifikation vieler Bürger mit ihrer Stadt zurück. „Das ist etwas, wo alle Parteien dran arbeiten sollten“, sagt Schwarzkopf. Die zurückhaltende Plakatierung in der Stadt könnte zudem ein Grund sein, dass viele gar nichts von der Wahl mitgekriegt haben. Auf Corona wolle er die schlechte Wahlbeteiligung nicht schieben. 

SPD-Stadtverbandsvorsitzender Fabian Ferber glaubt, dass es auch an den fehlenden großen Themen auf kommunaler Ebene liegt. „Das größte Thema für die Menschen ist derzeit die Angst um ihren Arbeitsplatz. Als Kommune können wir zwar Ansiedlungen ermöglichen, aber eine Stadt kann keine Fabrik bauen“, sagt Ferber. 

Von einer „erschreckenden Wahlbeteiligung“ spricht auch Grünen-Chef Otto Bodenheimer. „Die Ratsparteien, wir alle, müssen die Schuld bei uns suchen. Wir müssen aus der Anonymität heraus und für die Wähler erreichbarer sein“, sagt Bodenheimer. Bürgernähe dürfe keine Floskel sein. 

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FDP-Fraktionschef Jens Holzrichter sieht bei der Wahlbeteiligung in Lüdenscheid den Tiefpunkt erreicht. „Ich habe gedacht, es hätte noch schlimmer kommen können. Angesichts der Corona-Umstände ist es fast erträglich – allerdings unter dem Aspekt von ‘Kummer gewohnt’“, sagt Holzrichter. 

Auf kommunaler Ebene würden nicht die entscheidenden Probleme gelöst, die die Menschen derzeit bewegen. Die Stichwahl von Bürgermeister und Landrat am 27. September sehen alle Parteienvertreter mit Sorge – normalerweise geht die Wahlbeteiligung dann noch weiter zurück. 

Bei der letzten Landrats-Stichwahl 2014 gaben in Lüdenscheid nur noch 17 Prozent der Berechtigten ihre Stimme ab. Das ist ein Problem, findet Holzrichter: „Je weniger Menschen zur Wahl gehen, desto weniger repräsentativ ist das Ergebnis für die Bevölkerung, die der Gewählte vertritt.“

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Wahlbeteiligung in Lüdenscheid: Bedeutungsverlust der Kommune

Die Wahlbeteiligung ist in Lüdenscheid wie in vielen anderen Städten auch bei Bundestagswahlen traditionell am größten. Bei der Wahl 2017 stimmten fast 70 Prozent der Wahlberechtigten ab. Bei der Bundestagswahl 1983 waren es sogar 88 Prozent. 

Gemessen am Wählerinteresse folgen die Landtagswahlen. Bei der Landtagswahl 2017 gaben 59 Prozent der Wähler ihre Stimme ab. Es war das beste Ergebnis bei Landtagswahlen seit 1990 (66,6 Prozent). Die Kommunalwahlen verbuchten 1994 mit 78,7 Prozent Wahlbeteiligung einen Rekord. 

Seit 1999 gehen weniger als die Häfte der Wahlberechtigten an die Urne (1999: 47,2; 2004: 45,8; 2009: 43,3; 2014: 40,5 Prozent). Zuletzt war die Beteiligung bei den Europawahlen – geschuldet der Euro- und später der Flüchtlingspolitik – sogar zweimal in Folge größer als bei den Kommunalwahlen. 

Bei den Europawahlen 2014 gaben 44,1 Prozent der Lüdenscheider ihre Stimme ab, 2019 waren es sogar 53,6 Prozent. Die Analyse zeigt: Die Kommunalpolitik hat an Bedeutung verloren – auch bei den Wählern.

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