Wahlarena im Kulturhaus: So haben sich die Bundestagskandidaten geschlagen

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Acht Ledersessel, zwei Moderatoren und sechs Bundestagskandidaten in der Wahlarena auf der Kulturhausbühne: (von links) Matthias Bittern, Stephanie Hertwig-Kißling, Nezahat Baradari (SPD), Otto Ersching (Die Linke), Klaus Heger (AfD), Florian Müller (CDU), Holger Thamm (Bündnis 90/Die Grünen) und Johannes Vogel (FDP).

Wenn der Arbeitgeberverband, die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer und die Lüdenscheider Wirtschaftsjunioren zur Wahlarena ins Kulturhaus laden, dann ist es nicht gesagt, dass der einzige Lüdenscheider unter den an diesem Abend sechs Bundestagskandidaten des Wahlkreises 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) ein Heimspiel hat.

Lüdenscheid – Im Gegenteil. Otto Ersching (Die Linke) hat auf dieser Bühne im Kulturhaus mit ihren acht adrett platzierten schwarzen Ledersesseln als einziger Bergstädter eher schon ein schweres Auswärtsspiel. Politprofis tun sich auf diesem Terrain, wenn die Fragen von den Interessenvertretern der Wirtschaft gestellt werden, deutlich leichter. Matthias Bittern und Stephanie Hertwig-Kißling stellen die Fragen. Sie führen durch einen 90-Minüter mit Nachspielzeit und bitten erst einmal um Fairness im Wettkampf.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl71.919 (Stand: 31.12.2019)

Es geht schließlich um Punkte für den 26. September. 90 Sekunden für eine Antwort. Als das Duo am Ende des Abends feststellt, dass es auch in diesem Punkte tatsächlich erstaunlich fair geblieben sei und man mit Blick auf den FDP-Bundestagsabgeordneten Johannes Vogel nicht unbedingt damit gerechnet habe, kontert dieser auch die kleine Spitze lässig. „Eigentlich“, sagt er lächelnd, „habe ich es hier heute ganz nett gefunden. Muss ich nochmal drüber nachdenken...“ Punktsieg Vogel, nicht nur in diesem Moment.

Wahlkampf in der direkten Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner – knapp fünf Wochen vor dem Wahltag ist dies abseits des Straßenwahlkampfes so etwas wie das Salz in der Suppe. AGV, SIHK und Wirtschaftsjunioren haben auf die Vertreter der sechs im Bundestag vertretenen Parteien, die hier zur Wahl stehen, gesetzt, also auch auf die AfD und ihren Kandidaten Klaus Heger aus Wenden. Der kommt in Modefragen ebenso wie der erst 33 Jahre alte CDU-Kandidat Florian Müller (Heger: „Mein Sohn hat in einer Klasse mit Florian Abitur gemacht.“), Otto Ersching und auch Johannes Vogel in Sakko und Hemd, aber ohne Krawatte. Die trägt halt nur einer: Holger Thamm von den Grünen. Auch wenn Äußerlichkeiten eigentlich bei der Wahl keinerlei Rolle spielen sollten, verlangt es dem Betrachter doch ein Schmunzeln ab, dass ausgerechnet die Partei der Rebellen aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nun den einzigen Schlipsträger stellt. Die Welt hat sich gewandelt.

So haben sich die Bundestagskandidaten geschlagen

Und sie wandelt sich schon wieder. Jedenfalls moderiert Hertwig-Kißling den Abend entsprechend an. „Pandemiefolgen, Klimakrise, Zeitenwende“, sagt die Sprecherin der Wirtschaftsjunioren, weniger sollte es an diesem Abend nicht sein. Was man von der Politik in der südwestfälischen Region erwartet, formuliert Dr. Frank Hoffmeister dann im einleitenden Grußwort. „Wir machen mit, wenn sie uns nicht als jemanden sehen, der stärker belastet werden darf“, sagt Hoffmeister, AGV-Vorsitzender und SIHK-Vizepräsident, „der Kampf gegen den Klimawandel geht nur mit der Industrie. Dafür aber braucht diese auch Anreize.“

Und ab geht die Fahrt durch die Themen dieser Zeit. Kurz angerissen. Nichts, was in die Tiefe geht. Es ist eine Reise ohne große Überraschungen. Eine Reise, bei der Hertwig-Kißling und Bittern es aber doch schon mal schaffen, die Gäste sehr detailverliebt mit Aussagen ihrer Parteien zu konfrontieren, die das Basispersonal im Sauerland – nun ja – hier und da auf dem falschen Fuß erwischen. Nur Vogel, Müller und auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari sind nicht aufs Glatteis zu führen. Zu sicher in ihren Themen, zu geschult im Umgang mit derlei Fragestellungen. Dass das Konzept vorsieht, keine Frage zweimal zu stellen, dass jeder Kandidat Antworten auf andere Teilaspekte geben soll, macht den Abend immerhin kurzweilig.

Aber was bleibt? Dass beim Katastrophenschutz nachgebessert werden sollte – da hat letztlich niemand wirklich etwas dagegen (Müller: „Wenn nur acht von 80 Millionen eine Warnapp auf dem Handy haben, ist da noch Luft nach oben. Und man sollte auch die Sirene wieder stärker etablieren...“). Ersching fordert, sich abhebend vom Rest, eine Vermögensabgabe, um die Kosten für den Wiederaufbau in den Griff zu bekommen. Thamm geht es grundsätzlicher an: „30 Milliarden für Klimafolgeschäden – da sind Klimaschutzmaßnahmen für die Zukunft die preiswertere Alternative.“

Und damit ist man beim Klimaschutz. Konkretes für die Region? Ein frommer Wunsch. Vogel bekennt sich dazu, auch ohne Auto durchs Berliner Leben zu kommen. „Aber hier bei uns ist das unrealistisch, das wird nicht passieren“, sagt er und plädiert eher dafür, Klimaschutz und Innovationen gerade in dieser Region zusammenzubringen. Ersching kritisiert, dass Leute mit höheren Einkommen andere Möglichkeiten hätten, auf klimafreundliche Fahrzeuge umzurüsten. Heger mag bei der Windkraft nicht so mitgehen und generell beim Klimathema.

Mobiles Arbeiten: Während Baradari für ein Recht auf Home-Office plädiert, betonen Thamm und Müller zwar auch die großen Chancen gerade für die Region Südwestfalen, so auch Arbeitskräfte nach Südwestfalen zu locken, die man sonst nicht bekommt. Aber ein Recht auf Home-Office? So weit wollen die beiden dann doch nicht gehen. Das sind sich CDU und Grüne einig. Heger legt den Finger in die Wunde des Digitalisierungs-Rückstandes im Land.

Vogel kritisiert dazu noch die Bürokratie beim Thema Home-Office. „Wir müssen moderne Regeln schaffen“, sagt Vogel, „die SPD will das Falsche, und die CDU will nichts...“ Anderes Kernthema, auch für die Industrieregion: die digitale Infrastruktur. Eines, bei dem man schwerlich streiten kann. Natürlich spricht sich keiner der Gäste dagegen aus, die Region – zur Not auch mit großen Kraftanstrengungen – zukunftsfähig zu machen. So steuert der Abend über Bürgerfragen einer Abschlussrunde entgegen, bei der Halbsätze zu komplettieren sind. Baradari zeigt sich schlagfertig überzeugt von einer neuen Regierung unter SPD-Führung – forsche Töne. Müller aber nimmt das nichts von seiner Zuversicht, was einen CDU-Wahlsieg angeht. Vogel darf den Abend inhaltlich beschließen. Welches die größte Herausforderung der nächsten zehn Jahre sei? „Demographie und Dekarbonisierung“, sagt der FDP-Mann, „es sind gleich zwei...“

Wahlarena mit sechs Bundestagskandidaten im Kulturhaus Lüdenscheid

Wahlarena mit sechs Bundestagskandidaten im Kulturhaus Lüdenscheid
Wahlarena mit sechs Bundestagskandidaten im Kulturhaus Lüdenscheid
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