100 Jobs werden gestrichen

Betriebsversammlung: Konzern Vossloh-Schwabe schließt Standort Lüdenscheid

Erst 20 Jahre alt ist das moderne Produktions- und Verwaltungsgebäude von Vossloh-Schwabe an der Hohen Steinert

Lüdenscheid – Es gibt keine Zukunft für den Standort Lüdenscheid im Konzern Vossloh-Schwabe Deutschland GmbH. Nach Informationen unserer Zeitung hat die Geschäftsleitung die Mitarbeiter in der Bergstadt am Freitag darüber informiert, dass der komplette Standort geschlossen wird.

  • Konzern Vossloh-Schwabe schließt Standort in Lüdenscheid
  • Rund 100 Mitarbeiter werden wohl ihren Job verlieren
  • Bestürzung bei Betriebsversammlung 

Auch einen Werkzeugbau will der international tätige Konzern, der LED-Systeme, Lichtsteuerungssysteme und Lichttechnik-Komponenten produziert und vertreibt, in  der Bergstadt nicht mehr betreiben. In zwei Stufen soll das Gros der Mitarbeiter in Lüdenscheid bis zum Ende des Jahres 2020 und im Frühjahr 2021 gekündigt werden. 

Rund 120 Mitarbeiter hat Vossloh-Schwabe am Standort Lüdenscheid im modernen Gebäudekomplex an der Hohen Steinert. Nach bisherigen Informationen hatte das Hauptquartier des Unternehmens in Urbach (östlich von Stuttgart in Baden-Württemberg) die Produktion zwar komplett nach Serbien verlagern und rund 100 Stellen in Lüdenscheid streichen, aber an einem Werkzeugbau in der Bergstadt festhalten wollen. 

Outsourcing: Auch Werkzeugbau-Sparte soll verkauft werden

Diese Pläne haben sich aber wohl geändert. Der Werkzeugbau soll nach Informationen unserer Zeitung mit allen Maschinen und Mitarbeitern an einen Werkzeugbau der Region verkauft und mithin outgesourct werden. Die Mitarbeiter sollen für eine bestimmte Zeit einen fest zugesicherten Vertrag bekommen und Vossloh-Schwabe zuliefern. Im Werkzeugbau in Lüdenscheid sind dem Vernehmen nach derzeit noch ein gutes Dutzend Mitarbeiter beschäftigt. 

Vossloh-Schwabe will wohl Leasing-Vertrag für Gebäude aufkündigen

Ein Grund für die Entscheidung zur Aufgabe des Werkzeugbaus soll sein, dass Vossloh-Schwabe den Leasing-Vertrag für das Gebäude an der Hohen Steinert aufkündigen will. Das moderne Produktions- und Verwaltungsgebäude ist im Jahr 2000 von der Bayrischen Immobilien Leasing fertiggestellt worden. Die Mitarbeiter des Werkzeugbaus sollen nicht die einzigen Vossloh-Schwabe-Mitarbeiter in der Region sein, denen Möglichkeiten für die Zukunft aufgezeigt werden. 

In der Verwaltung sollen Mitarbeitern Home-Office-Verträge angeboten werden – allerdings mit der Auflage, zu Besprechungen nach Urbach reisen zu müssen. Außerdem sucht Vossloh-Schwabe nach LN-Informationen Fachkräfte, die bis zu einem Zeitraum von maximal zwei Jahren am neuen Standort in Serbien die dortigen Mitarbeiter schulen und anleiten sollen. 

Rechtsanwalt Tischendorf in der Geschäftsführung

Am Freitag besuchte unter anderem auch der Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Sven Tischendorf das Unternehmen in Lüdenscheid und überbrachte die Informationen. Tischendorf ist nach einem Bericht des Internetportals JUVE (Verlag für juristische Information, Köln) vom 26. Juni bereits Ende Mai als „Chief Restructuring Officer“ (CRO) gemeinsam mit Dr. Alexander Höpfner (Chief Insolvency Manager, CIO, ebenfalls von AC Tischendorf Rechtsanwälte) in die Geschäftsführung berufen worden. 

Die Anwaltskanzlei aus Frankfurt/Main, deren „Restrukturierungspraxis“ laut JUVE „einen guten Lauf in Eigenverwaltungsverfahren“ habe, führt bei Vossloh-Schwabe das derzeit laufende Schutzschirmverfahren durch. 

Ein Schutzschirmverfahren ist eine besondere Verfahrensart des deutschen Insolvenzrechts. Es verbindet die vorläufige Eigenverwaltung mit dem Ziel der frühzeitigen Vorlage eines Insolvenzplans, um hierdurch eine Sanierung von Unternehmen zu erleichtern. 

Bis Ende 2019 beim Panasonic-Konzern

Zur Erinnerung: Der 1000 Mitarbeiter beschäftigende Konzern, der im Geschäftsjahr 2019 160 Millionen Umsatz erzielt hat, hatte bis Ende 2019 noch zum Panasonic-Konzern gehört, war dann aber von den Japanern an einen Fonds von Fidelium Partners übertragen worden. Fidelium hat seinen Sitz an der Sendlinger Straße in München und ist nach Eigendarstellung im Internet ein „verlässlicher Partner für Unternehmen mit operativem Verbesserungspotenzial.“ 

Auf der Fidelium-Website heißt es weiter: „Mit Fokus und operativem Engagement investieren wir in Unternehmen und unterstützen diese in herausfordernden Situationen. Ob Effizienzsteigerungsmaßnahmen, Unternehmensnachfolge oder Ausgliederung aus einer größeren Gruppe: Wir begleiten unsere Beteiligung aktiv auf dem Weg in die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit.“ Mit anderen Worten: Vossloh-Schwabe ist in den Händen eines Sanierers gelandet, der mehr von Zahlen als von LED- und Lichtsteuerungssystemen versteht.

Mitarbeiter in Lüdenscheid "maximal enttäuscht"

Bei Vossloh-Schwabe ist im Rahmen des Schutzschirmverfahrens als erster Standort Kamp-Lintfort geschlossen worden. Hier waren nach LN-Informationen 40 Mitarbeiter in zwei Gesellschaften angestellt. Die 38 Mitarbeiter der Gesellschaft Vossloh-Schwabe Lightning Solutions wurden zum 1. Juli freigestellt und stehen vor dem Weg zum Arbeitsamt. Ein am Standort Kamp-Lintfort ausgearbeiteter Sozialplan soll nicht zum Tragen gekommen sein, weil kein Geld mehr dafür vorhanden gewesen sein soll. 

Auch der Lüdenscheider Konzern Kostal gerät wegen der Corona-Folgen unter Druck. Im Ausland drohen Werksschließungen

Der Besitzerwechsel und das Schutzschirmverfahren lassen die Mitarbeiter von Vossloh-Schwabe in Lüdenscheid das Schlimmste befürchten. Vossloh-Schwabe ist im Sauerland ein Unternehmen mit festem Mitarbeiter-Stamm. In großen Teilen sind die Beschäftigten seit 20, 30 oder gar 40 Jahren im Unternehmen. 

Im Schutzschirmverfahren gibt es keine hohen Abfindungen

Doch die Hoffnung auf eine entsprechend hohe Abfindung im Falle einer Kündigung können sie aufgeben. Nach Insolvenzrecht ist das Zweieinhalbfache des Brutto-Monatsgehalts nun das Maximum, was ein Mitarbeiter bekommen könnte. Noch vor einem Jahr ohne Schutzschirm und Besitzerwechsel wären Abfindungen bis teilweise in sechsstelliger Höhe fällig geworden. 

Aus Reihen der Belegschaft zu hören ist, dass die Mitarbeiter maximal enttäuscht sind. Da ist es ein schwacher Trost, dass die Geschäftsführung am Freitag nach LN-Informationen einen Performance-Fonds für die nächsten Monate in Aussicht gestellt hat, mit dem die Abfindungen aufgestockt werden könnten. Ein Fonds, der augenscheinlich die Belegschaft bei Laune halten soll – denn bis die Produktion in Serbien komplett funktioniert, ist Vossloh-Schwabe noch auf die Arbeitskräfte in Lüdenscheid angewiesen…

Auch der Oberflächenspezialist Nanogate befindet sich im Schutzschirmverfahren. An den Nanogate-Standorten Kierspe und Lüdenscheid sind mehrere hundert Jobs in Gefahr. Der Folienhersteller Novelis schließt seinen Standort in Lüdenscheid. Die Folgen des Coronavirus sind für viele Unternehmen spürbar: Beim Automobilzulieferer Kostal befinden sich hunderte Mitarbeiter seit Anfang April in Kurzarbeit. Inzwischen ist mehr als jeder zweite Beschäftigte im Märkischen Kreis von Kurzarbeit betroffen

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