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Vollsperrung der A45: Feuerwehr, Pflegedienste und Taxifahrer versanken im Verkehrschaos

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Von: Thomas Machatzke

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Seref Kavakli, Taxifahrer Lüdenscheid
Seref Kavakli verbuchte 30 Minuten Aufschlag bei einer Taxifahrt von Rosmart nach Evingsen. Am Freitag lief auch für die Taxifahrer der Bergstadt nichts wie gewohnt. „Immerhin liegt im Moment kein Schnee, sonst wäre gar nichts mehr gegangen“, sagt Kavakli. © Cedric Nougrigat

Die A45 gilt nicht umsonst als die Lebensader für die Wirtschaft im Märkischen Kreis. Das wurde nach ihrer Vollsperrung in der vergangenen Woche eindrucksvoll deutlich. Das entstandene Verkehrschaos hat viele Branchen hart getroffen.

Lüdenscheid – Das Gewerbegebiet am Römerweg im Lüdenscheider Norden hat es an normalen Tagen gut. Wer von einer Firma, die hier zu Hause ist, gen Norden oder Süden aufbrechen möchte, der ist in zwei Minuten auf der Autobahn. Die perfekte Infrastruktur. Allerdings nur bis zum Freitag, der als eine Art Katastrophenfreitag eingehen wird in die Verkehrshistorie der Stadt – und auch dieses Gewerbegebietes.

„Klar gab es Probleme“, sagt Jan Schriever, Chef des Unternehmens Schriever verbindet, dem Spezialisten für Schrauben, Mikroschrauben und komplexe Zeichnungsteile, „es ist bisher zwar alles abgeholt worden und auch angekommen, aber halt mit erheblichem Zeitverlust. Die A45, das ist schon eine Herzschlagader im Verkehr, das merken wir jetzt ganz besonders. Wir warten auf die Speditionen, aber die brauchen viel, viel länger.“

Verkehrsentlastung durchs Homeoffice

Die Überlastung des Stadtverkehrs abseits der Autobahn hat für das Traditionsunternehmen, das seit 1999 im neuen Industriegebiet neben dem Golfplatz zu Hause ist, am Freitag auch dazu geführt, dass zum Beispiel die üblichen Fahrten zur Galvanik und Härterei in Teilen gar nicht möglich waren. Schriever arbeitet mit einer Galvanik in Oberbrügge zusammen. „Da haben wir einen kompletten Tag verloren“, sagt er – die Teile aus dem Höhengebiet kamen einfach an der Volme nicht an. „Der Freitag“, sagt Schriever, „war eine Katastrophe, aber am Montag soll es schon etwas besser gegangen sein.“

Diese Erfahrung hat auch Anke Niklas vom Ambulanten Pflegedienst Alpha am Staberg gemacht, die am Montagmorgen recht gut zur Arbeit durchkam und in diesem Kontext explizit die gute Ampelschaltung zum Wochenstart lobte. „Aber der Freitag war schlimm“, sagt sie, „wir haben uns Umwege und Schleichwege gesucht, immer in der Hoffnung, so besser durchzukommen. Am Ende waren alle nur noch stinkig.“ Die Menschen, die bei der Pflege Hilfe brauchen, sind übers ganze Stadtgebiet verteilt. Und da ist kaum einer dabei, der einfach auf diese Hilfe verzichten könnte. So wurde es ein langer Arbeitstag bei den Pflegerinnen und Pflegern.

Am Samstag setzte man sich nach den Erfahrungen des Freitags zusammen und legte die Pläne übereinander: Wo ließen sich noch die Routen optimieren. Hier und da ging da was. „Aber wenn ich ins Olpendahl muss, dann gibt es nicht so viele Möglichkeiten“, sagt Niklas, „in Richtung Heedfelder Straße oder Olpendahl hätte man teilweise besser das Auto stehen gelassen und wäre zu Fuß schneller gewesen. Aber das lässt sich natürlich auch nicht umsetzen.“ Also müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ausdauer mitbringen – und die Pflegebedürftigen sind auch informiert, dass auch sie mitunter Geduld haben müssen, auch wenn das nicht immer so leicht ist.

Die Feuerwehr in der Bergstadt hat zwar vielleicht ein nicht so umfassendes Routineprogramm wie die Pflegedienste, dafür aber muss es im Zweifel bei ihren Fahrten schnell gehen. Wenn der Rettungsdienst gerufen wird, ist ein Stau Gift. Bisher indes sind diese Fahrten noch alle gut zu lösen gewesen. „Klar verzögert sich so ein Einsatz ein bisschen, aber es war am Freitag in etwa so wie in einer normalen Rush-our-Situationen“, sagt Christopher Rehnert, Leiter der Feuerwehr in Lüdenscheid. Die Feuerwehr kommt in der Bewältigung von Krisensituationen quasi eine Expertenrolle zu.

Entsprechend reagierte man am Dukatenweg auch mit aller Routine und besetzte am Freitag direkt die Feuerwachen Oberrahmede und Stadtmitte mit ehrenamtlichen Kräften, die verfügbar waren, um im Zweifel so Reserven für die Lösung von Problemen zu haben. „Wir haben für die gesamte Woche eine Staffel zusätzlich mit ehrenamtlichen Kräften für die Stadtmitte im Einsatz“, sagt Rehnert, „sechs Leute für die sechs Funktionen. Aber wenn es sich herausstellen sollte, dass beim Verkehr früher wieder etwas gehen sollte, würden wir die natürlich abziehen.“

Während die Feuerwehr aufrüstet, rüstet man beim Märkischen Kreis ab – zumindest, was die Präsenz im Kreishaus angeht. „Wir setzen vermehrt auf mobiles Arbeiten“, sagt Kreispressesprecher Alexander Bange und belegt dies auch mit Zahlen. Im März 2020, in der Hochzeit des Lockdowns im Frühjahr, waren im Kreishaus 60 Prozent der rund 1300 Beschäftigten im Homeoffice. Für 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist in dieser Zeit das Equipment dafür angeschafft worden. „Das geht nun wieder in diese Richtung“, sagt Bange, „wir können glücklicherweise in vielen Bereichen effiziente Homeoffice-Lösungen anbieten. Aber natürlich müssen auch bestimmte Dinge vor Ort geschehen: Das Bürgerbüro muss besetzt sein, das Ausländeramt, die Rettungsdienste, Leitstellen, auch beim Reiningspersonal geht das nicht, aber dort, wo es geht, machen wir es möglich.“ Auch Bange selbst, der eine weite Anfahrt aus dem Kreis Soest hat, wählt an Tagen wie diesen lieber den Arbeitsplatz daheim.

Taxifahrer müssen genau kalkulieren

Ein paar Kilometer weiter im Lüdenscheider Rathaus sieht es ähnlich aus. Auch hier geschieht städtische Verkehrsentlastung ganz praxisnah dadurch, dass man zu Hause den Computer anschaltet. „Das Rathaus ist deshalb aber nicht wie leer gefegt“, sagt Pressesprecherin Marit Schulte-Zakotnik, „am Montag ist man auch schon wieder deutlich besser durchgekommen. Die Kolleginnen und Kollegen nutzen nun zum Teil Schleichwege, überlegen sich genau, wo sie herfahren und wo nicht. Ich glaube, dass am Freitag auch viele kalt erwischt worden sind.“

Ein Eindruck, den die Lüdenscheider Taxifahrer bestätigen. Am Freitag war es mitunter kaum möglich, einen Kunden abzuholen, weil man durch den Verkehr einfach nicht durchkam. Viele Autos mit fremden Kennzeichen im Stadtgebiet. Am Montag war dies in Teilen besser, aber längst nicht überall. „Die Heedfelder Straße, die Rahmede, die Lennestraße, auch die Herscheider Landstraße – das ist im Moment alles eine Katastrophe“, sagt Seref Kavakli, der die Dinge am Montag gerade an der Friedrichstraße verfolgte, am Freitag aber auch seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Von Rosmart bis nach Evingsen brauchte er eine halbe Stunde länger als üblich. „Man kam in der Rahmede gar nicht mehr auf die Hauptstraße“, erklärt er, „aber über die Lennestraße wäre es auch nicht besser gewesen. Dort, wo es geht, versuchen wir, die Umleitungsstrecken zu meiden, aber wenn am Vormittag zur Hauptverkehrszeit ein Kunde zum Freisenberg möchte, dann müssen wir uns durchkämpfen.“

Eines allerdings macht Seref Kavakli klar: Der Zeitdruck für die Taxi-Brance ist immens. Die Termine bei Vorbestellungen einzuhalten, geht nun zum Teil nur, wenn man mit reichlich Vorlauf losfährt. Dieser Vorlauf aber muss erst einmal da sein. „Es ist schwer zu kalkulieren“, sagt Kavakli, „und dann muss man natürlich am Ende schauen, was man dann noch verdienen kann...“ Immerhin, so Kavakli, habe man Glück gehabt, dass der Schnee ausgeblieben sei. Sonst wäre gewiss gar nichts mehr gegangen, da ist er sich sehr sicher. „Ich hoffe nur, dass man nun am Mittwoch eine gute Entscheidung trifft“, sagt Kavakli. Auch die Taxifahrer der Bergstadt warten gespannt auf die nächsten Stellungnahmen der Autobahn GmbH – auch wenn sie selbst eigentlich kaum einmal auf die Autobahn fahren müssen.

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