Volksbühne zeigt Kleist- Novelle im Kulturhaus

Das N.N. Theater Neue Volksbühne Köln spielte am Abend die Kleist-Novelle „Michael Kohlhaas“.

LÜDENSCHEID - Und der Kurfürst von Sachsen fällt der letzten Intrige zum Opfer und verendet an einem guten Schluck Silikonspray. Wer sonst, als das Ensemble des N.N. Theaters Neue Volksbühne Köln könnte der Kleist'schen Novelle „Michael Kohlhaas“ einen solch durchdachten Schlusspunkt aufsetzen?

Knapp zwei Stunden unterhielt das Ensemble aus der Domstadt am Abend die Gäste – im großen Saal des Kulturhauses, war man doch wegen der nasskühlen Witterung von der ursprünglich als Aufführungsort geplanten Waldbühne ins Trockene geflüchtet. Die Kölner haben sich mit der Umsetzung des Dramas um den rechtschaffenen Pferdehändler, der nach widerfahrenem Unrecht zum Berserker mutiert, sogar mordet und Wittenberg in Schutt und Asche legt, einen Traum erfüllt. Die Affinität zu Fahrrädern kennt man vom N.N. Theater, lassen sich damit doch hervorragend Pferde symbolisieren. Die Kölner bleiben der eingeschlagenen Linie treu, entwickeln aus der Radwerkstatt Zweirad Zwickel heraus das Kohlhaas-Drama. So macht sich Kohlhaas am Tag nach Weihnachten mit zwei Fahrrädern am Schlauch, pardon, zwei Pferden am Zügel auf nach Dresden, um sie dort zu verkaufen. Unterwegs erlebt er den Diebstahl der Pferde, Behördenwillkür und jede Menge Unrecht, verliert am Ende seine Frau und fordert sein Recht mit roher Gewalt. Einzig Martin Luther vermag ihn zu bekehren. Kohlhaas nimmt das Todesurteil als Strafe für seine Vergehen an.

Das N.N. Theater setzt auch beim „Kohlhaas“ auf das bewährte Prinzip: viel Musik, viel Klamauk und manchmal Tiefsinn, der unglaublich direkt unter die Haut geht. So bricht das Ensemble Weltliteratur wie die Kleist-Novelle auf die Straße hinunter. Das Beißholz wird zum Schraubenschlüssel, das Fahrradrücklicht zum Feuer und das Schutzblech zum Schwert, ja selbst der Fahrradkorb zum Visier der kurfürstlichen Vasallen und der Lenker zum Teufels-Gehörn.

Mit Irene Schwarz, Christine Per, Musiker Bernd Kaftan, Tom Simon und Michl Thorbecke in unterschiedlichen Rollen gelingt unter der Regie von George Isherwood und Ute Kossmann ein herrliches Schauspiel mit hochdramatischem Ende. Und eben weil die Schauspieler ihrem Weg treu bleiben, wird der rachsüchtige Pferdehändler am Ende an einem Fahrradschlauch aufgehängt – woran denn auch sonst?

Die zweite Aufführung beginnt Samstagabend um 20 Uhr im Kulturhaus. Es gibt noch Karten. - rudi

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