Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 15

Striewski lässt die Puppen tanzen: Ab ins Lüdenscheider Nachtleben!

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Die "Miss Lüdenscheid" kam aus Delmenhorst.

Lüdenscheid - Das City-Center war nun wirklich kein besonders glamouröser Ort. Doch wenn Sänger Volker Lechtenbrink im Rolls Royce vorfuhr, dann wehte ein Hauch von großer, weiter Welt in Lüdenscheid. Und das hatte mit Wolfgang Striewski zu tun.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 15 wird abgezappelt. Es geht abwärts – in das Lüdenscheider Nachtleben der 1980er-Jahre. Das Jahrzehnt, in dem Gastronom Wolfgang Striewski in der Bergstadt definierte, was später erst unter dem Begriff Event-Gastronomie bekannt wurde.

An den Wochenenden steht der Lüdenscheider Jugend der 80er-Jahre gefühlt die ganze Welt offen. Auf den Tellern der Plattenspieler der Teens und Twens rotieren die heißesten Scheiben aus den LP-Charts, die Wände der Jugendzimmer sind gespickt mit Star-Postern aus Bravo, Sounds & Co.

Und wer seine Idole live, in Farbe und zum Anfassen erleben möchte, der muss nicht einmal in die Ferne schweifen. Denn die örtlichen Gastronomen pflegen beste Kontakte in die nationale und internationale Musikszene – holen Newcommer und etablierte Künstler in die Bergstadt.

Rustikale Kulisse in der Hazienda

Einer der Hotspots, in dem sich regelmäßig bekannte und beliebte Musiker die Ehre geben, ist Wolfgang Striewskis Club Hazienda im City-Center. Vor rustikaler Kulisse wird hier Kultur geboten, gefeiert und geflirtet. Es ist ein Ort, in dem innovative Events aus der Taufe gehoben werden, hier wird mit dem richtig großen Stift hiesige Diskothekengeschichte geschrieben.

Mit einem Ohr am Puls der Zeit und großem Ideenreichtum gesegnet, erhebt Wolfgang Striewski seinen Laden in den Olymp der Lüdenscheider Legenden des Nachtlebens. „Ein Wochenende ohne Hazienda ist wie ein Frühstück ohne Ei!“ – der Slogan ist Programm.

Der Erfolg Striewskis war maßgeblich auf einem starken Fundament gebaut worden, dem richtigen Händchen dafür, wer die Zielgruppe war und was sie überhaupt wollte. Keine leichte Aufgabe in jenen Tagen, denn die Vielfalt der Jugendkulturen und ihrer subkulturellen Vertreter war in den 1980er-Jahren schwer zu überblicken.

Gammler, Popper, Rocker - wer blickt da noch durch?

Die gesellschaftlichen, politischen und musikalischen Umbrüche und die stetige Weiterentwicklung von Freizeitangeboten in den 70ern hatten zur Folge, dass sich immer neue Jugendbewegungen formierten. Es gab Popper, Rocker, Punks, Teddys, Psychobillys, Graffiti-Crews, Gruftis und Skater. Zum anderen waren da Mods, Greaser, Gammler, New-Waver, Skins, Indie-Fans und Yuppies.

Die einen mit Vorliebe für Motorräder und Krawall, die anderen wieder politisch motiviert, konsumkritisch oder bloß sportlich interessiert. Plötzlich war jeder zwischen 14 und 25 irgendwo oder irgendwie Teil einer populären Zeitgeistbewegung. Besonderes Augenmerk wurde auf Outfits und Frisuren gelegt, damit bloß jeder Außenstehende in der Öffentlichkeit mitbekommen sollte, welcher Jugendbewegung man sich zugehörig fühlte.

Von Disco bis Glamrock, über Neue Deutsche Welle, Ska bis Schlager – in den frühen 80ern hatte es den Anschein, als wenn so ziemlich jede musikalische Strömung und Jugendkultur nebeneinander existieren könnte. Nur, die identitätsstiftende Zugehörigkeit zu einer Bewegung war zugleich auch von der Ablehnung anderer Gruppierungen gekennzeichnet.

Schillerbad und Diskotheken

Für diese neuen, sich gerade entwickelnden Szenen Veranstaltungen und Konzerte zu bieten, das war nun die Sache der Lüdenscheider Gastronomen und Vereine. Denn nach Ende der Ära Gottfried Schumann im Jahr 1977 hatte man den Kurs der städtischen Jugendarbeit neu ausgerichtet. Erst ab Ende 1982 sollte es im als Jugendzentrum neu eröffneten Schillerbad wieder größere Konzerte mit populären Rock- und Pop-Bands geben.

Obwohl von Beginn an als ungeliebtes Kind in den Schoß der Jugendarbeit der Stadt aufgenommen, wurde das Schillerbad insbesondere für die subkulturellen Cliquen Lüdenscheids zum beliebten Treffpunkt. Gruppierungen, die doch ein wenig mehr dem Mainstream verbunden waren, bevorzugten andere Lokalitäten.

In Diskotheken wie beispielsweise dem Le Jardin am Hülscheiderbaum (vormals unter dem Namen Old Forester betrieben), dem Broadway und Maquas im Knödler-Zentrum am Sternplatz schlug das Herz der Pop-Fans. Rock-Fans verkehrten hauptsächlich im Beanery am Bräucken und bis 1978 im legendären Serengeti von Rolf Jeschke im Sauerland-Center.

Serengeti darf doch sterben

Die Schließung des Serengeti war nur von kurzer Dauer, unter neuem Pächter wurden die Räume neben dem Discounter Deschauer im Center unter dem Namen Rockpalast vom Folgewirt Pohl noch im selben Jahr wieder geöffnet. Dem Unterfangen blieb jedoch kein Erfolg beschieden.

Erst als 1979 das damalige Pächterehepaar des Pubs Kulisse an der Karlstraße, Ehle und Wolfgang Striewski, die Fäden in die Hand nahm, brummte der Laden, der fortan unter dem Namen Love Story geführt wurde. Das Rezept des Erfolges war, den Club- und Café-Betrieb auch für Bühnenshows mit Mehrwert zu öffnen.

Für 10 Mark Eintritt gab’s hier mehr als Sound aus der Konserve und bunte Diskolichter zu erleben: Schlag auf Schlag gaben sich hier aus dem TV bekannte Musiker die Klinke in die Hand. Mel Jersey, Wolfgang Petry oder Fats and his Cats traten auf. Es gab regelmäßige Verlosungen, Aktionsabende für den guten Zweck, elektronisch unterstützte Bingo-Abende oder Kennenlernspiele mit Dating-Garantie.

Der Kniff: Das Programm im „Love Story“ war nicht fest auf eine Altersgruppe zugeschnitten – hier wurde Kultur für alle geboten. Abwechslung war Trumpf.

Wer im Lüdenscheider Gastro-Leben Schritt halten wollte, der durfte aber auch den Anschluss nicht verlieren, wenn der Zeitgeist voranrannte. Für die Striewskis bedeutete das auch, zur rechten Zeit neu und üppig zu investierten, um der Kundschaft Neues zu bieten. Mitte 1982 ging es los. Ein neues Konzept in gänzlich neuem Ambiente stand auf dem Plan.

Ideale Räume für den neuen Laden der Striewskis fanden sich im unteren Bereich des City-Centers Lüdenscheid (CCL). Fast 400 Quadratmeter im zur Altenaer Straße gelegenen Centerbereich standen seit dem Aus der Tanzschule Scheibelhut im Jahr 1980 im Hause leer. Das „Gastronomie-Unternehmen, das wahrscheinlich alles bisher in Lüdenscheid gekannte in den Schatten stellte“, wie der Ankündigungstext in den Anzeigen der Tageszeitungen versprach, hörte auf den Namen Hazienda.

Das Hazienda versprühte sehr rustikalen Charme.

"Hasi-Bar" und "Pferdestall"

Für die neue Diskothek mit rustikalen Stil und liebevoll nostalgischer Einrichtung, wurde kräftig Hand angelegt. Möbel, Bar und Rest des Ladens entstanden in Handarbeit. Im September 1983 eröffnete der neue Stern am Diskothekenhimmel Lüdenscheids. In der Hazienda, die von ihren Liebhabern auch mal salopp als „Hasi-Bar“ oder „Pferdestall“ bezeichnet wurde, machte das Ehepaar Striewski Nägel mit Köpfen. Denn diese Disco war für alle da.

Im Lokal mit Rund-um-die-Uhr-Betrieb konnte täglich gefrühstückt werden oder man traf sich dort zum Kaffeeklatsch. Tanzabende für Senioren standen ebenso auf dem Programm, wie wilde Partynächte für die Jugend. Star-Gäste wie Divine (damalig der dickste Transvestit Amerikas und Star in mehreren Filmen des Trash-Künstlers John Waters), der Hypnotiseur Don Alfredo oder Sänger Volker Lechtenbrink (der sogar im Royce Rolls vor dem CCL vorfuhr), traten auf.

Volker Lechtenbrink fuhr im Rolls Royce vor.

Wolfgang Striewski kannte sich nicht nur gut mit Musik und Stars aus, sondern präsentierte die Hazienda ebenso als Diskothek, in der potenzielle Stars von morgen gemacht wurden. Hier nahm man die Casting-Shows, die erst in den 2000er-Jahren im TV zum Publikumsrenner werden sollten, schon vorweg.

Lüdenscheid sucht den Superstar

Die Talentshows in Striewskis Diskothek waren das Sprungbrett für Schlager-Stars wie Nadine Norelle („Santa Lome“) und Ibo („Bungalow in Santa Nirgendwo“). Weitere Programmhöhepunkte in der Hazienda waren die Events zur Wahl der „Miss Lüdenscheid“, die in Zusammenarbeit mit der Miss-Germany-Corporation stattfanden. Kurios: 1986 durfte die amtierende Miss Germany Anja Hörnich den Titel der schönsten Lüdenscheiderin an Ricarda Reisdorf verleihen – eine jungen Frau aus Delmenhorst!

1990 endete die Ära der Hazienda, denn Wolfgang Striewski wagte einen Neustart. Der Erfolgsladen im CCL wurde geschlossen und umgebaut, eröffnete mit neuem Konzept als DaCapo. Ein Club, den Lüdenscheids Schickeria für sich entdeckte und ins Herz schloss. Allerdings endete die Zeit des DaCapo viel zu schnell wieder. CCL-Neueigentümer Reinhold Zimmermann und die Shoppingcenter-Entwickler der Hamburger ECE strebten den Umbau des in die Jahre gekommenen Einkaufszentrums an, kündigten den dortigen Gastronomen die Mietverträge.

Zum 1. April 1991 schloss das DaCapo, das Ehepaar Striewski ging nach Bochum, um dort eine neue Diskothek aufzumachen. Der war kein dauerhafter Erfolg beschieden, weshalb man einen letzten Versuch startete, nochmals in der Bergstadt einen Club zu etablieren. Das ehemalige Restaurant Zum weißen Pferd an der Altenaer Straße wurde gepachtet und aufwendig umgebaut, feierte Neueröffnung als Klöndorf. Knappe drei Jahre existierte das Lokal, bevor die Räume an den ehemaligen Image-DJ Dirk Heuel abgetreten wurden, der den Betrieb 1996 als Nachtwerk wiedereröffnete.

Auch wenn das Abenteuer Gastronomie für Wolfgang Striewski damit endete, so blieb er bis heute der Musik treu – als Förderer und Manager junger Schlager-Talente.

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