Im Namen der Kirchengemeinde

Eine Bibel als Geschenk zur Goldenen Hochzeit

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Die Bibel war ein besonderes Geschenk – sie sieht aus, als wäre kaum jemals darin geblättert worden.

Lüdenscheid - Die Bibel ist für gläubige Christen einerseits ein Gebrauchsartikel. Von jeher gibt es aber von diesem am meisten gedruckten Buch weltweit besonders edle Ausgaben, mal künstlerisch gestaltet, mal aus besonders edlen Materialien gefertigt. Ein solches Exemplar findet heute Eingang in das Virtuelle Museum.

Fast auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 1. August 1918, wurde sie offensichtlich einem Lüdenscheider Ehepaar als Geschenk überreicht: Friedrich Wilhelm Schulte und Emilie Oelschläger feierten an diesem Tag ihre Goldene Hochzeit.Geschenkt wurde sie dem Paar von der damaligen evangelischen Kirchengemeinde Lüdenscheid.

Das geht aus einer Seite direkt am Anfang der Bibel hervor. Sie enthält einen in Gold verfassten und mit vielen Schnörkeln versehenen Aufdruck „Dem christlichen Paar zur Feier ihrer Goldenen Hochzeit.“ Die Namen des Paares und das Datum des Hochzeitstages sind handschriftlich eingefügt. Darüber steht „Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Unten auf dieser Seite, die ein bisschen wie eine Urkunde aussieht, steht der Segensspruch: „Der Herr segne Euch und behüte Euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch seinen Frieden!“

Mit Unterschriften des Presbyteriums

Unter diesem vorgedruckten Formular steht handschriftlich ergänzt: „Das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Lüdenscheid“. Es folgen, stellvertretend für das seinerzeit wohl rund 50-köpfige Presbyterium einige Unterschriften, unter anderem von den vier Pfarrern der Gemeinde: Albrecht Müller, Wilhelm Proebsting, Karl Turck und Hermann Petersen. Außerdem haben die Gratulation Hauptlehrer C. Lueg, Wilhelm Aufermann, Gustav Lindemann, Eduard Hueck, August Rahmede und August Schönebeck unterzeichnet.

Die Unterschriften, zu denen einige bekannte Namen der Stadtgeschichte gehören, zeigen, dass das ehrenamtliche Engagement im Presbyterium der Kirchengemeinde – zu jener Zeit war die große Mehrheit der Lüdenscheider Bürger evangelisch – als eine ehrenvolle Aufgabe gesehen wurde. Dabei zeigt ein Blick in die Chronik der Gemeinde, bei dem Hartmut Waldminghaus behilflich war, dass das damalige Presbyterium ein breites Spektrum der Gesellschaft spiegelte, vom Fabrikarbeiter über den Lehrer bis zum Industriellen.

Die Bibel hat eine Ledereinband und ist goldfarben verziert. 

Der Vordruck mit Platz für handschriftliche Ergänzungen lässt darauf schließen, dass solche Bibeln nicht extra angefertigt wurden, sondern so gekauft werden konnten. Das schmälert allerdings nicht den Wert dieses Buches – in Leder gebunden, ein verziertes goldenes Kreuz auf dem Einband, mit Goldschnitt an den Seiten. Es wird aber deutlich, dass eine Goldene Hochzeit nicht alltäglich war.

Dafür sprechen die festliche Aufmachung der Bibel, aber auch die Tatsache, dass es sich um ein offizielles Geschenk durch die Kirchengemeinde handelt. Außerdem darf das Datum nicht außer Acht gelassen werden: Am 1. August war der Erste Weltkrieg noch in vollem Gange und die Not der Menschen groß, dennoch – oder gerade deshalb – wurde dieses private Ereignis derartig gewürdigt. 

Das Fest der Goldenen Hochzeit ist auch heute noch etwas ganz Besonderes, aber vor hundert Jahren dürfte es noch weitaus ungewöhnlicher gewesen sein, dass ein Paar 50 Jahre verheiratet war. Ist es heute eher die Zahl der Ehescheidungen, die die Wahrscheinlichkeit einer Goldenen Hochzeit verringert, war es damals die allgemeine Lebenserwartung der Menschen, die noch nicht mit der heutigen vergleichbar war.

Kirchenstandort fast 200 Jahre älter als die Stadt 

Auf einer weiteren Seite verrät die Bibel noch mehr über das Goldhochzeitspaar: Dort findet sich ein ähnlicher Vordruck, handschriftlich ergänzt, aber weitaus schlichter. Daraus geht hervor, dass Friedrich Wilhelm Schulte, geboren am 1. Oktober 1843 in Meinerzhagen, und Emilie Oelschläger, geboren am 8. Juli 1847 in Halver, am 1. August 1868 in der Erlöserkirche zu Lüdenscheid durch Pfarrer Rothmann getraut wurden. Dieser Eintrag muss allerdings ebenfalls aus dem Jahr 1918 stammen – den Namen Erlöserkirche für dieses älteste Gebäude der Stadt gab es 50 Jahre vorher noch nicht.

Auch auf das Hochzeitsdatum des Paares wird verwiesen.

Der Kirchenstandort ist noch weit älter als die Stadt Lüdenscheid – 1972 feierte die Gemeinde 900 Jahre Erlöserkirche, sie ist also fast 200 Jahre vor der Gründung der Stadt nachweisbar. Der Zustand der vorliegenden Bibel lässt darauf schließen, dass sie stets in Ehren gehalten wurde – dieses Buch war auf keinen Fall ein Gebrauchsartikel für die tägliche Bibellektüre. Vielmehr sieht sie aus, als wäre sie stets sorgfältig aufbewahrt worden. Sie hat nicht einmal Druckstellen, die darauf hinweisen, dass sie jahrzehntelang in einem Regal gestanden haben könnte.

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