Ein Unternehmer und Freidenker

Porträt von Wilhelm Brauckmann

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Porträt von Wilhelm Brauckmann

Lüdenscheid - In einer Zeit, in der jeder jederzeit mit seinem Handy jede erdenkliche Lebenssituation im Bild festhalten kann, gerne auch in einem Selfie, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Porträts einst ein besonderes Gut waren. Sie waren nur für die wohlhabende Schicht der Bevölkerung erschwinglich.

Das galt für die Anfänge der Fotografie im 19. Jahrhundert, aber erst recht für die Porträtmalerei, die trotz der Erfindung der Fotografie bis weit ins 20. Jahrhundert einen besonderen Stellenwert genoss.

Das Porträt, das heute Teil des Virtuellen Museums wird, stammt aus dem Jahr 1895, einer Zeit, in der gemalte Porträts durchaus auch als Statussymbol gelten konnten. Es ist 121 mal 97 Zentimeter groß, was auch für jene Zeit ein beachtliches Maß war. Abgebildet ist der Lüdenscheider Unternehmer Wilhelm Brauckmann (19.11.1826 - 17.4.1902). Das Bild gehört zu einer ganzen Reihe von Porträts namhafter Lüdenscheider aus dem 19. und frühem 20. Jahrhundert, die sich im Besitz der Lüdenscheider Museen befinden.

Großzügige Spende für Turnhalle

Es handelt sich um ein Ölgemälde auf Leinwand, signiert von P. Lotzmann. Über den Künstler ist nichts bekannt. Möglicherweise handelt es sich um Paul Lotzmann, geboren 1855 in Kirchberg im Erzgebirge, gestorben 1909 in Berlin, was von den Lebensdaten passen würde. Dieser war zunächst Holzbildhauer und studierte an der Dresdner Kunstakademie unter Prof. Schilling.

Später wandte er sich der Malerei zu. Für Lüdenscheid wesentlich interessanter ist der Mann, der sich im Jahr 1895 von Lotzmann malen ließ. Aber auch er war nicht Auftraggeber für das Bild, sondern der 1891 gegründete Turnverein Jahn.

Wilhelm Brauckmann hatte die damals beachtliche Summe von 43 000 Mark für den Bau der Turnhalle, die am 19. August 1893 an der Sadowastraße (heute Jockuschstraße) eingeweiht worden war, gespendet. So steht es in dem Buch Lüdenscheider Porträts, 1994 bearbeitet von Dr. Eckhard Trox.

Der Verein habe Brauckmann dieses Bild verehrt, das fortan an einem exzellenten Platz in der Vereinshalle hing. Das dürfte auch eine Erklärung für die ungewöhnliche Größe des Porträts sein.

Zwillingsbrüder als Konkurrenten

Laut der Vereinschronik hatte Brauckmann bereits im September 1892 die Vereinsfahne gespendet und später das Grundstück für den Bau der Turnhalle zu Verfügung gestellt und die Halle dem Verein vermietet. Nach seinem Tod 1902 vererbte Wilhelm Brauckmann die Jahnturnhalle dem Verein. Bereits 1903 sei die Turnhalle wegen der hohen Unterhaltungskosten und weil die Stadt die Halle für das Schulturnen benötigt habe, in den Besitz der Stadt übergegangen.

Der TV Jahn bekam aber das alleinige Nießbrauchsrecht. Über Wilhelm Brauckmann ist bekannt, dass er zunächst die Nassschleiferei erlernt hatte. Diese Arbeit war aber zu schwer für ihn. Daher betrieb er in Lüdenscheid die Küferei. Als sein Zwillingsbruder Friedrich nach Lüdenscheid übersiedelte, arbeiteten beide zunächst zusammen.

Geboren waren beide im Bochener Schleifkotten in der Oeckinghauser Bauerschaft bei Halver. Der Vater war der Holzschraubenschmied und Schraubnagelfabrikant Peter-Caspar Brauckmann (1801- 1867). Schon bald trennte sich Wilhelm Brauckmann aber wieder von seinem Bruder und gründete mit einigen der Arbeiter ein Konkurrenzunternehmen – eine nicht seltene Entwicklung in jener Zeit des Aufbruchs als Konsequenz der Dynamik der industriellen Revolution.

30.000 Mark für das Schillerbad

Firmengebäude baute Wilhelm Brauckmann an der unteren Kölner Straße, in der Nähe seines Bruders. Bei der Herstellung von Drahtwaren und Schrauben stellte er schon früh auf eine halbautomatische Fertigung um. Er war eben der Techniker. Deshalb nahm er 1869 Emil Rahmede als Kaufmann und Teilhaber in die Firma auf, die von da an W. Brauckmann & Rahmede hieß.

1871 wurde bereits ein neues Firmengebäude errichtet. Im Jahr 1900 schied Wilhelm Brauckmann aus dem Unternehmen aus. Wie viele andere Unternehmer jeder Gründerzeit stellte Wilhelm Brauckmann viel Geld für Initiativen seiner Stadt zur Verfügung, wie eben auch für den Turnverein Jahn. Zeit seines Lebens stand Brauckmann dem deutschen Freidenkertum nahe.

Daraus resultierte wohl auch seine Unterstützung für den Turnverein Jahn, in dem sich in den ersten Jahren nur Linksliberale engagierten. Bei seinem Tod hinterließ Wilhelm Brauckmann darüber hinaus 30.000 Mark für den Bau einer Volksbadeanstalt. Daraus entstand das Schillerbad. 25 000 Mark hinterließ er für die Betriebskrankenkasse seiner Firma.

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