Viereinhalb Jahre statt Freispruchs

Lüdenscheid - Strafverteidiger Heiko Kölz beantragt Freispruch. Staatsanwältin Bettina Hirschberg fordert dreieinhalb Jahre. Die Vertreterin der Nebenklage, Rechtsanwältin Margarete Bökenkamp aus Herford, plädiert sogar für vier Jahre gegen den 47-jährigen Lüdenscheider. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Marcus Teich hält den Vater des sexuellen Missbrauchs für überführt – und verurteilt ihn sogar zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe.

Der Fall

Ein 47-jähriger Lüdenscheider soll seinen Sohn, heute 21 Jahre alt, in zehn Fällen sexuell missbraucht haben. Vor der 1. großen Strafkammer des Hagener Landgerichts hat der Angeklagte zum Prozessauftakt alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft bestritten. Das mutmaßliche Opfer hat darauf als Zeuge ausgesagt und seinen Vater dabei schwer belastet.

Von Olaf Moos

So endet nach sechs Wochen eine schwierige und detailreiche Beweisaufnahme. Der Angeklagte scheint es geahnt zu haben. In seinen letzten Worten vor der Urteilsverkündung sagt er noch einmal: „Die Vorwürfe stimmen nicht.“ Und fügt hinzu, seine „Ex“ stecke dahinter, die wolle ihn unter allen Umständen hinter Gittern sehen. Und zum Richter gewandt: „Wenn Sie mich einsperren, werde ich bis zum letzten Atemzug kämpfen und beweisen, dass Sie mir Unrecht tun.“

Der verzweifelte Appell nützt ihm nichts. Das Urteil ergeht wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in sieben Fällen in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch eines Kindes in einem Fall. Marcus Teich lässt sich mehr als eine Stunde Zeit für die mündliche Urteilsbegründung. Und erklärt auch, warum die 1. große Strafkammer das Strafmaß der Anträge im Sinne der Anklage noch überschritten hat.

Bei dem Hauptbelastungszeugen habe es sich „um einen ganz besonders schutzwürdigen Jugendlichen“ gehandelt. Heimaufenhalte, immer wieder Trennungssituationen, Gewalt, Vernachlässigung und dann noch massive sexuelle Übergriffe durch den eigenen Vater – „der Junge hat so viel erleben müssen, man kann gar nicht mehr auseinanderhalten, wie erheblich sich die Tatfolgen des Missbrauchs bis heute auswirken“, so der Vorsitzende Richter.

Und auf ein Komplott der ehemaligen Lebensgefährtin deute nichts hin. Der 21-Jährige habe zudem „durchgängig und konstant geschildert“, was ihm widerfahren ist. Es gebe keine Hinweise darauf, dass er suggestiv beeinflusst gewesen sei oder sogar etwas verwechsle. Insoweit sei der Gutachterin zuzustimmen. „Es gibt keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen.“

Der Verurteilte nimmt die Entscheidung äußerlich scheinbar ungerührt hin. Auf dem Gerichtsflur hatte er zuvor gesagt: „Es ist nicht zu ertragen. Man hat hier keine Chance.“ Ob er beim Bundesgerichtshof in Revision geht, ist noch unklar. Heiko Kölz: „Wir prüfen das sorgfältig.“

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