Vier Jahre Gefängnis für den kleinen Bruder

LÜDENSCHEID ▪ Die beiden Brüder, 26 und 28 Jahre alt, sitzen schweigsam neben ihren Verteidigern. Brav gescheitelte Haare, weißes Hemd, gesenkter Blick. Sie scheinen sich ihrem Schicksal zu ergeben. Und das aus gutem Grund: Langjährige Haftstrafen haben sie sowieso noch abzusitzen, ein heldenhafter Kampf um ein paar Monate weniger im Knast lohnt kaum. Zumal die Beweislast erdrückend ist.

Denn die Polizei fand Anfang Juni in ihren Wohnungen alles, was für den verbotenen Handel mit Heroin vonnöten ist: Tütchen mit dem gefährlichen Stoff, Feinwaagen, Methadon im Kühlschrank und 4125 Euro Bargeld. Damit war für die Ermittler alles klar. Die beiden Brüder sind „alte Bekannte“, vielfach vorbestraft wegen Beschaffungskriminalität, auch Gewaltdelikte im Register, etwa ein Raubüberfall auf eine Tankstelle an der Talstraße, dazu hochgradig drogensüchtig – nächstes Urteil, bitte!

Doch der ältere der beiden hat Glück im Unglück. Das Gericht stellt das Verfahren gegen ihn ein. Wegen einer anderen Sache brummt er gerade drei Jahre ab und wartet auf seine Berufungsverhandlung – „eine Bestrafung fällt nicht ins Gewicht“, entscheidet Amtsrichter Thomas Kabus. Im Juni hatte er mit seiner Freundin 250 Gramm Heroin per Bahn aus Rotterdam nach Deutschland geschmuggelt. Bei einer Zigarettenpause auf dem Bahnsteig in Bad Bentheim fielen sie dem Zoll auf. In Kondomen trug die damals 16-Jährige den Stoff „wurstähnlich verpackt“, wie es heißt, zwischen Slip und Strumpfhose. Das 306-fache dessen, was die Justiz als „nicht geringe Menge“ bezeichnet.

Also bleibt der jüngere Bruder übrig. Und für den legt sich Rechtsanwalt Marco Ostmeyer mächtig ins Zeug. Ostmeyer: „Wir sollten uns hier nicht nur auf Vergeltung konzentrieren!“ Staatsanwalt Axel Noelle wertet das Geständnis des Angeklagten zwar als mildernden Umstand. Aber Strafe muss sein. Vor allem, weil der Dealer unter drei laufenden Bewährungen stand, als die Polizei seine Wohnung durchkämmte.

Der Widerruf der Bewährungen bringt ihm zunächst 27 Monate Haft ein. In der aktuellen Sache entspricht das Gericht dem Antrag des Staatsanwaltes auf 21 Monate ohne Bewährung: im Ergebnis vier Jahre Gefängnis also.

Trotzdem entlässt ihn das Schöffengericht aus der U-Haft. Bis er für lange Zeit hinter Gitter wandert, muss der 26-Jährige bei seiner Mutter wohnen und sich dreimal wöchentlich bei der Polizei melden. Das Wichtigste: Er hat nun die Zeit, sich um einen Therapieplatz zu kümmern.

Olaf Moos

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