Verwackelte Fotos punkten: Lösen Smartphones die Kameras endgültig ab?

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Daniel Adamczyk und Sven Gasterstedt (rechts) kehren sich normalerweise nicht den Rücken zu. Was die Fotografie angeht, beschreiten sie aber ihre eigenen Wege. Sven Gasterstedt fotografiert mit einer Systemkamera, während Daniel Adamczyk auf das Smartphone setzt.

Lüdenscheid – Die Qualität von Smartphonekameras hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verbessert. Im Saturn-Markt in Lüdenscheid hat sich die Gewichtung der Abteilungen seitdem verändert.

Während die Smartphone-Abteilung wuchs, hat die Fotoabteilung an Bedeutung verloren. Die LN haben bei Fachverkäufern nachgefragt, wo Handys und Kameras ihre jeweiligen Vorzüge haben. Sven Gasterstedt, Fachverkäufer und Fotoguru im Saturn Lüdenscheid, hat die Entwicklung der digitalen Fotografie und den Boom in der Smartphone-Abteilung miterlebt. Er sagt: „Der Unterschied in der Bildqualität ist heute immer noch sichtbar. Was sich geändert hat, ist die Art wie Menschen Fotos betrachten.“ 

In Zeiten sozialer Medien wie Instagram, Snapchat, Facebook und WhatsApp müssten Handyfotos kaum einen künstlerischen Wert mehr haben, sondern vielmehr zeigen, was gerade passiert oder wo man unterwegs ist. Das Foto ist Teil des Lifestyles und Mittel zur Außendarstellung geworden. 

Freude über verwackelte Fotos

„Menschen, die schon früher mit einer Spiegelreflexkamera fotografiert haben, sehen das Foto immer noch anders als die Handygeneration. Jugendliche zum Beispiel kennen in der Regel die Fotoqualität einer großen Kamera gar nicht“, so Gasterstedt. Ein ehemaliger Arbeitskollege von ihm habe schon vor einigen Jahren gesagt: „Die Leute freuen sich heute über verwackelte Fotos.“ 

Nur wer richtig und manuell fotografieren möchte, greife noch zur Spiegelreflex- oder zur Systemkamera. „Gäbe es Spiegelreflexkameras mit den Automatikmodi aus dem Handy, würden die vielleicht wieder mehr gekauft“, vermutet Sven Gasterstedt. „Um Kameras wieder ins Gespräch und in den Fokus der Kunden zu bringen, müssten die Hersteller die Bedienung von Spiegelreflexkameras vereinfachen.“ 

"Kunden suchen kompakte Geräte"

Was ein Fotograf an seiner Kamera manuell einstellen muss beziehungsweise kann, machen Smartphones mithilfe verschiedener Softwares vollautomatisch. Das erleichtere die Bedienung für jene Nutzer, die nicht in die Theorie der Fotografie eintauchen möchten. „Ein unscharfer Hintergrund bei einem Porträt wird von einigen Kameras in aktuellen Smartphones künstlich erzeugt. Für das Freistellen mit einer Spiegelreflexkamera benötigt man dagegen ein gewisses Know-how – und entsprechend gute Objektive.“ 

Von Technik und Theorie einmal abgesehen, sei zudem wichtig, die Kameras kompakter zu bauen. „Viele Kunden suchen kompakte Geräte, die man immer dabei haben kann. Da ist ein Handy im Vergleich zur Kamera natürlich klar im Vorteil“, sagt Gasterstedt. 

Nicht nur Handys machen Konkurrenz

Konkurrenz machen den Spiegelreflexkameras aber nicht nur Handys, sondern auch sogenannte Systemkameras. „Die Geräte sind gleichwertig – wenn nicht sogar besser –, die Gehäuse dabei aber deutlich kompakter. Deshalb liegen sie im Trend.“ Die Möglichkeit zum Objektivwechsel, die wohl immer noch eines der Hauptargumente für den Kauf einer Spiegelreflexkamera ist, bieten Systemkameras ebenfalls. Die Auswahl ist je nach Hersteller unterschiedlich groß. Dafür gibt es aber diverse Adapter. 

In Smartphones setzt man derweil auf die feste Verbauung mehrerer Linsen, wie Handy-Fachverkäufer Daniel Adamczyk erklärt. In der Regel werden zwei bis drei Linsen verbaut, die verschiedene Brennweiten, also verschiedene Bildausschnitte, abdecken. 

Inzwischen gebe es aber auch Smartphones, die optisch, also ohne Einbußen in der Bildqualität, zoomen können. „Das Huawei P30 Pro zum Beispiel hat einen optischen Zehnfach-Zoom, einige Samsung-Modelle verfügen über einen Zweifach-Zoom.“ 

Viele Pixel bedeuten nicht mehr Qualität

Der digitale Zoom, der normalerweise immer mit Qualitätsverlusten verbunden war, sei bei einigen Top-Modellen aber auch bedenkenlos verwendbar. Grund ist der „Megapixelwahnsinn“, wie ihn Adamczyk nennt. „48 Megapixel hat ein Huawei P30 Pro, Samsung bringt auf dem chinesischen Markt gerade ein Gerät mit 108 Megapixeln heraus“, so der Verkäufer. Er sagt: „Es herrscht ein großer Irrglaube, was die Anzahl der Megapixel angeht. Die Menschen denken, sie haben mit vielen Pixeln automatisch die beste Fotoqualität.“ 

Die Kamera sei beim Kauf eines Smartphones inzwischen mit das wichtigste Thema, neben der Akkulaufzeit, der Systemleistung und nützlichen Funktionen wie zum Beispiel einem Fingerabdrucksensor. Durch die hohe Auflösung brauchen Fotos mehr Speicherplatz. Die angebotenen Speichergrößen wachsen deshalb. „In der Oberklasse sind 128 Gigabyte fast schon Standard.“ 

Handy der Spiegelreflexkamera klar unterlegen

Zum Vergleich: Bis vor wenigen Jahren wurden noch Smartphones verkauft, die eine Standardgröße von 8 bis 16 Gigabyte hatten. Sven Gasterstedt hakt ein: „Wenn das Handy heute kaputt geht, zum Beispiel durch einen Sturz- oder Wasserschaden, sind riesige Mengen von Fotos weg, wenn sie nicht gesichert wurden. Das kann natürlich bei einer Festplatte genauso passieren, allerdings trägt man die nicht täglich mit sich herum.“ 

„Prinzipiell ist der Bildsensor eines Handys dem einer Spiegelreflexkamera klar unterlegen“, sagt Sven Gasterstedt. Der Bildsensor sitzt hinter dem Objektiv und nimmt das Foto auf. Je mehr Platz die Pixel auf dem Sensor haben, desto besser können sie Licht einfangen. Das wirkt sich positiv aus – vor allem in Innenräumen oder bei Nacht beziehungsweise allgemein in Situationen mit wenig Licht. 

Der größte aktuell auf dem Markt verfügbare Handysensor ist 43,42 Quadratmillimeter groß. Im Vergleich: Ein Vollformatsensor in einer Spiegelreflexkamera hat eine Aufnahmefläche von 864 Quadratmillimetern. 

Handys punkten mit Benutzerfreundlichkeit

Gasterstedt und Adamczyk wissen aber um das Phänomen, dass manche Smartphones bei Nacht trotzdem mit starken Aufnahmen punkten können. „Die Handys lösen das in der Regel über die Software, in dem sie automatisch einige Parameter verändern – da sind wir wieder bei dem Thema Benutzerfreundlichkeit“, sagt Gasterstedt. 

Adamczyk ergänzt: „Beim Huawei P30 Pro gibt es zudem einen Automatikmodus extra für Sternenfotografie.“ Spätestens in so einer Situation muss der Fotograf bei einer Spiegelreflexkamera die Einstellungen selbst übernehmen.

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