Verurteilter mit Erinnerungslücken

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Strafverteidiger Andreas Trode mit seinem Mandanten

Lüdenscheid - Der Prozess gegen „Vassili“ nimmt eine merkwürdige Entwicklung. Denn sein Komplize – ein 33-jähriger Lüdenscheider, der nach einem Geständnis im November 2013 zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde – hat inzwischen offenbar große Erinnerungslücken und hält sich für ein Justizopfer.

Ja, er sei sauer auf den Angeklagten, antwortete der Häftling auf die Frage von Strafverteidiger Andreas Trode. „Wer sitzt schon gerne unschuldig im Knast!?“

Der Fall

Ein 29-jähriger Lüdenscheider ist wegen erpresserischen Menschenraubes und einer Reihe anderer Verbrechen angeklagt. Er soll seine Opfer systematisch bedroht, verletzt und um ihr Eigentum gebracht haben. Nach seiner Flucht nach Griechenland wurde er in Thessaloniki gefasst und den deutschen Behörden ausgeliefert.

In seinem eigenen Prozess hatte der Mann vor einem Jahr noch ein Geständnis abgelegt – für die Richter der 6. großen Strafkammer „glaubhaft und umfassend“. Danach gilt der vorbestrafte Vter zweier Kinder als „Vassilis“ Mitläufer, der dessen Ausbrüche von Gewalt, Erpressung und Bedrohung zwar mitbekommen hat. Aber er hat ihn nicht gebremst oder sich wenigstens von ihm distanziert. Damit gilt der 33-Jährige als mitschuldig an dem Martyrium der jungen Frau, die unter „Vassilis“ Fuchtel geraten war.

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Ob sein Kumpel mit Drogen gehandelt hat – „ist mir nicht bekannt“. Ob dessen Opfer in illegale Geschäfte verwickelt war – „weiß ich nicht“. Ob er an dem Einbruch in die Wohnung der jungen Frau mitgewirkt habe – „ich war nicht dabei“. Nur so viel räumt der Zeuge jetzt ein: „Ich wurde dahin beordert, um ein Auto zu verkaufen.“ Mit „dahin“ ist „Vassilis“ Wohnung gemeint, in der der Kokain-Dealer die Frau mit einem Messer und einer Pistole bedroht haben soll, um 3000 Euro von ihr zu erpressen. Doch das Auto wollte sie auf keinen Fall hergeben, denn es gehörte nach eigenen Angaben ihrem Cousin. Ersatzweise habe man sie dann auf den Strich schicken wollen, um ihre vermeintliche Schuld zu begleichen.

Trode sieht Widersprüche. In seinem Prozess vor einem Jahr hatte der Zeuge anders ausgesagt, zuvor beim Haftrichter wieder eine andere Version geliefert. Jetzt sitzt er vor Richterin Heike Hartmann-Garschagen und sagt: „Sie haben gesagt, wenn ich’s nicht einräume, dann gibt’s sogar fünf Jahre.“ Die Richterin reagiert verschnupft: „Die Glaubwürdigkeit von Angaben, die man immer wieder anders erzählt, wird da nicht gerade besser.“

Der Prozess wird heute um 9.30 Uhr im Saal 201 mit weiteren Zeugenaussagen fortgesetzt.

Von Olaf Moos

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