Dunkelziffer ist hoch

Versteckte Kamera: Mafiöse Strukturen bei Führerschein-Prüfungen im MK

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Lüdenscheid - Betrug bei Führerscheinprüfungen – das klingt im ersten Moment nach Abschreiben oder Spickzetteln. Doch die Realität ist eine völlig andere. Fahrlehrer, Tüv-Prüfer und Behörden berichten von mafiösen Strukturen, technischer Finesse und deutlich steigenden Fallzahlen.

Schon jetzt werden Methoden aus der Spionageabwehr angewandt, um bei den theoretischen Prüfungen Manipulationen zu verhindern.

Montagmorgen, 8 Uhr, auf dem Gelände des Technischen Überwachungsvereins in Lüdenscheid: Nervöse Prüflinge, oft Teenager kurz dem Erreichen der Volljährigkeit, wollen die theoretische Führerscheinprüfung ablegen. Eine wichtige Hürde, um den begehrten „Lappen“ zu erlangen. „Geschummelt“ wurde dabei eigentlich schon immer, schon in den Zeiten, als zur Wissenskontrolle Papierbögen mit Multiple-Choice-Fragen zum Einsatz kamen. Doch heutzutage wird interaktiv am Computer geprüft – und auch die Betrüger rüsten auf.

Mit Miniaturkameras beispielsweise, über die der „verdrahtete“ Prüfling einen Komplizen mitlesen lässt. Dieser wiederum gibt die benötigte Antwort, in dem er entweder für das linke oder das rechte Bein eine Vibration auslöst.

Tricks der Prüflinge

Dabei kommt es durchaus zu filmreifen Situationen, weiß Fahrlehrer Peter Martin Kliegel zu berichten. Von seinen Schülern ist bislang noch niemand durch Betrug aufgefallen, dennoch kann er aus dem Nähkästchen plaudern: „Die Prüfer drehen die Heizung voll auf, und wer dann noch den dicken Pulli anlässt, macht sich verdächtig“. Denn im T-Shirt lasse sich die ganze Technik nicht verstecken. Ebenfalls im Visier der Prüfer: Kandidaten, die auffallend stocksteif vor dem Bildschirm sitzen, damit ihre versteckte Kamera ruhige Bilder an den entfernten Helfer übertragen kann.

Spionageabwehr 

Doch der Tüv belässt es nicht bei solchen handfesten Methoden. Es kommen auch W-Lan-Scanner und andere Werkzeuge aus der Spionageabwehr zum Einsatz. Der Aufwand erscheint angesichts der Zahl der aufgedeckten Fälle mehr als angemessen. Im vergangenen Jahr hat der leitende Tüv-Prüfer in seinem Einzugsgebiet, dem Sauer- und Siegerland sowie dem Ennepe-Ruhr-Kreis, 38 000 Theorie-Prüfungen abgenommen. „38 Betrugsversuche sind 2019 in diesem Gebiet aufgeflogen, davon 18 im Märkischen Kreis“, berichtet Hendrik Klein, Pressesprecher des Märkischen Kreises. Überregional werden die Dimensionen des Betruges besonders deutlich. Der Tüv Nord verzeichnete für das vergangene Jahr rund 800 erwischte Betrüger, davon alleine 500 Fälle, bei denen perfide Kameratechnik zum Einsatz gekommen sei. Zu der Dunkelziffer der unentdeckten Fälle möchte allerdings niemand eine Schätzung abgeben.

Mafiöse Strukturen 

Hinter den Manipulationen stecken mafiöse Strukturen, und die Statistik weist seit etwa fünf Jahren stetig steigende Zahlen aus. Die Beteiligten hätten ausnahmslos Migrationshintergrund, erklären die Fachleute übereinstimmend. Aussagen mit Sprengkraft, genauso wie die glaubhafte Begründung, warum der Prüfer lieber anonym bleiben möchte: „Mir ist schon einmal das Auto angezündet worden. Eindeutig Brandstiftung.“ Er sieht die Behörden in der Pflicht, um intensiver gegen die Machenschaften der Betrugshelfer vorzugehen. Denn die seien nicht immer strafrechtlich relevant. Wer mit technischen Hilfsmitteln erwischt werde, habe mit drei oder sechs Monaten Führerscheinsperre zu rechnen, weil das Straßenverkehrsamt sich intensiv mit der persönlichen Eignung zum Autofahren beschäftigt

Unter falschem Namen

Anders sieht es bei Methode Nr. 2 aus. Wenn Prüflinge einer anderen Person ihren Personalausweis in die Hand drücken, damit diese an ihrer Stelle die Prüfung absolvieren, ist ein Straftatbestand erfüllt.

Der Prüfer und die Sachbearbeiter der Kreisverwaltung sind sich einig: Auch der Täuschungsversuch mit Kamera und Handy sollte zumindest mit einem Bußgeld geahndet werden, was die derzeit geltende Rechtslage allerdings noch nicht hergäbe. „Hier ist der Gesetzgeber gefordert“, so Pressesprecher Klein. Immerhin: Es konnten schon Tatwerkzeuge beschlagnahmt werden. Außerdem habe sich Präsenz als hilfreich erwiesen, so Klein: In den Fällen, in denen ein Mitarbeiter des Kreises bei den Prüfungen ebenfalls anwesend war, seien deutlich weniger Betrugsversuche aufgeflogen. „Das ist aber personell einfach nicht bei jeder Prüfung möglich.“

Die Gründe 

Die Motivation für die Betrügereien liegt nach Ansicht aller Fachleute in der mangelnden Lernbereitschaft: „Das ist Faulheit. Manche zahlen lieber 1 500 Euro, anstatt zu lernen“, so Fahrlehrer Kliegel. Auch er warnt eindringlich vor den Konsequenzen der Manipulation: „Die Fälle landen bei der Führerscheinstelle, und dort stellt man sich die Frage, ob der Fahrschüler überhaupt die Reife hat, um als Autofahrer am Straßenverkehr teilzunehmen“.

Mit Zweifeln an der persönlichen Eignung, aber auch mit Betrugsversuchen hat auch Verkehrspsychologe Alexander Kras bei seiner Klientel zutun. Der Lüdenscheider Therapeut hilft Autofahrern, die wegen Alkohol, Drogen oder ihrem Punktekonto erst nach einer bestandenen Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) ihre Fahrerlaubnis zurückerhalten. Manipuliert wird auch hier, sowohl in den Gesprächen als auch bei den mehr oder weniger engmaschigen Kontrollen auf fortwährenden Alkohol- oder Drogenkonsum.

Alexander Kras kann aus seiner Arbeit ein Lied davon singen. So würden manche MPU-Vorbereitungen nur trainieren, „die richtigen Antworten zu geben“, auch würde es manchmal gelingen, bei den Laboruntersuchungen zu tricksen. „Wie das funktioniert, möchte ich nicht erklären. Es ist sehr schwer, aber es gibt schon Möglichkeiten“, so der Diplom-Psychologe. „Wer sowas macht, tut sich selbst keinen Gefallen.“ Seine Erfahrung: „Wer so handelt, arbeitet nicht an seinen Problemen und wird wieder rückfällig. Die Chance, das eigene Leben in den Griff zu bekommen, wird vertan.“

Handlungsbedarf 

Der aus Russland stammende Verkehrsexperte sieht noch einen weiteren, wesentlichen Aspekt in dem Themenkreis: „Wir haben dem deutschen Verkehrssystem einen erheblichen Teil unseres Wohlstandes zu verdanken.“ Das sei nur möglich, wenn die Regeln eingehalten würden. Deutschland komme dabei gut weg, auch hinsichtlich der Unfallstatistiken. In Skandinavien, wo die Autofahrer sich strenger an Vorschriften halten, sei der Straßenverkehr sicherer. In Süd- und Osteuropa hingegen nicht.

Alle Experten sehen Handlungsbedarf. Die Betrügereien sind kein regionales Problem. Nun muss nach effektiven Lösungen gesucht werden, um den Tätern das Handwerk zu legen.

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