Der nächste Ehering ist weg

Verschwundene Gegenstände im Klinikum: Immer mehr Betroffene melden sich

Modernes Krankenhaus
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Reveka Sirhani aus Werdohl vermisst den Ehering ihrer Mutter, die im Klinikum verstarb. 

Immer wieder verschwinden in den Märkischen Kliniken Wertgegenstände von Patienten. Doch nicht immer werden die Verluste auch angezeigt.

Lüdenscheid/Werdohl – Nach dem Bericht über den verschwundenen Ehering des verstorbenen Wilhelm Bornmann (90) im Klinikum Lüdenscheid erreichten die Redaktion mehrere Meldungen von Patienten und Angehörigen, denen nach einem Klinikaufenthalt in Hellersen ebenfalls Wertgegenstände fehlten. Wie Ringe, Hörgeräte, Ketten oder Bargeld abhanden kommen, ist für sie meist unklar. Das Klinikum weist die Verantwortung stets zurück. Diebstahl wird von den Angehörigen nicht ausgeschlossen. Es bleibt eine unbefriedigende Situation – für alle Beteiligten.

Märkischer KreisNRW
RegierungsbezirkArnsberg
Einwohner 410.222 (31. Dez. 2019)
Gliederung15 Gemeinden

Verschwundene Gegenstände im Klinikum: Patienten und Angehörige melden Verluste

Wie die Polizei im Märkischen Kreis auf Anfrage mitteilte, registrierte die Behörde im Tatzeitraum zwischen 1. Januar 2019 und 30. September 2020 insgesamt 48 Diebstahlsanzeigen an der Adresse des Klinikums Lüdenscheid. 2019 wurden 29 einfache Diebstähle sowie jeweils ein Diebstahl aus Diensträumen und ein besonders schwerer Diebstahl angezeigt. In den ersten neun Monaten des Vorjahres waren es 14 einfache Diebstähle, ein besonders schwerer Diebstahl und zwei Diebstähle aus Diensträumen. Ob die Diebstähle von Patienten, Angehörigen oder den Klinikmitarbeitern angezeigt wurden, geht aus der Auswertung nicht hervor. Zur Aufklärungsquote und möglichen Tatverdächtigen macht die Polizei keine Angaben.

Nicht jeder Verlust angezeigt

Aus den Rückmeldungen an die Redaktion wird auch ersichtlich, dass nicht jeder Verlust auch tatsächlich angezeigt wird – besonders dann nicht, wenn die Patienten versterben und die Beweisführung für die Angehörigen schwierig ist. In der derzeitigen Coronavirus-Pandemie-Situation ist das Besuchsverbot eine weitere Hürde.

So erging es auch Reveka Sirhani. Als sie den Bericht von dem verlorenen Ring liest, hat sie ein Déjà-vu. „Das ist doch alles kein Zufall“, sagt die Werdohlerin. Auch sie ist seit Ende November auf der Suche nach einem Ehering – dem Ehering ihrer Mutter.

Sirhanis Mutter war am 19. November mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus nach Hellersen gekommen. Die 84-Jährige wurde dort aufgrund einer Covid-Erkrankung auf die Intensiv-Station verlegt. Dort verstarb sie am 30. November. Für die Tochter, die ihre Mutter seit 1996 gepflegt hatte, schlimm genug – wie viele Angehörige durfte sie ihre Mutter in den letzten Tagen ihre Lebens nicht mehr begleiten. Mindestens genauso schlimm wiegt für sie auch, dass mit dem Ehering ein wichtiges Erinnerungsstück verloren gegangen ist. Reveka Sirhanis Vater war 2013 verstorben – die beiden Eheringe hatte die Frau aus Werdohl als Andenken an ihre Eltern zusammenführen und in Ehren halten wollen.

Als Reveka Sirhani die restlichen Sachen ihrer Mutter in Hellersen abholte, bekam sie zwar den Modeschmuck in einer verschlossenen Tüte überreicht. In der Tüte aber sei aber ein Loch gewesen – der Ehering fehlte.

Sirhani wurde vom Krankenhaus nach eigenen Angaben danach an den Bestatter und die Rettungskräfte verwiesen. Beide hatten den Ehering allerdings nicht.

„Sie können das nicht vertuschen“

„Ich habe seitdem so oft in Hellersen angerufen und bin immer wieder hingehalten und vertröstet worden – nun soll ich einen Verlustbrief schreiben, mit dem sich dann die Versicherung befassen soll“, sagt sie. Sie wird dies tun, auch wenn sie gelesen hat, wie Versicherungen mit derlei Fällen zumeist verfahren. Eigentlich will sie auch weniger materiellen Ersatz, sie hätte so gerne den Ring zurück. „Der Ring hat für mich doch vor allem einen ideellen Wert“, sagt sie. Sirhani erwägt, sich einen Anwalt zu nehmen. Auf jeden Fall will sie Strafanzeige erstatten. „Sie können das nicht vertuschen“, sagt die Werdohlerin.

Das Klinikum wollte sich zu dem konkreten Fall zunächst nicht äußern. Man bereite stattdessen eine ausführliche Zusammenstellung zu dem Thema vor, hieß es aus der Pressestelle. Sie soll laut Klinikumsprecher Dr. Norbert Jacobs am kommenden Dienstag vorliegen.

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