"Verrückter Blut" im Kulturhaus

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Der Vortrag deutscher Volkslieder unterbrach immer wieder die Inszenierung: „Ich hab mich ergeben mit Herz und Hand Dir Land voll Lieb´ und Leben, mein deutsches Vaterland.“ - Fotos: Rudewig

Von Jutta Rudewig

LÜDENSCHEID -  Sie erfüllen nahezu jedes Klischee: Sie knutschen, schlagen, treten, sie drohen, stehlen, beschimpfen sich in jenem typischen Immigrantentonfall, den „Erkan und Stefan“ seinerzeit gesellschaftsfähig machten. Es gibt den Anführer, die Mitläufer und das Opfer, in diesem Fall der niedergeknüppelte Kurde. Jeder zweite Satz heißt „Willst Du sterben, oder was?“. Und nicht zuletzt ist der Griff an die Genitalien allgegenwärtig.

Sieben Schüler, eine Lehrerin und Deutschlands Nationaldenker Friedrich Schiller sind an diesem Abend die Protagonisten auf der Bühne, die eher der Nachbildung eines überdimensionalen Overhead-Projektors gleicht – grelles Licht, ein randalierendes Aggro-Ensemble, Gewalt an der Tagesordnung. Das Ensemble des Eurostudios Landgraf ist nach Lüdenscheid gekommen, um das Erfolgsstück „Verrücktes Blut“ zu zeigen, samt Gesprächsangeboten für diejenigen, die nach gut zwei Stunden pausenloser Inszenierung noch reden wollen. Auf der Bühne eine siebenköpfige Theater-AG, Schulrabauken mit Migrationshintergrund. Und mittendrin Sonia Kelich (Karolina Thorwarth) als Lehrerin im braungrauen Kostümchen, hochhackigen Schuhen, Reclamheften klein, schüchtern, die Schiller’sche Ideologie vor Augen. Sie will den Autoritätsverweigerern ihrer Theater-AG den Dichter näherbringen, ein hoffnungsloses Unterfangen – „Alter, der Schiller geht mir am Arsch vorbei“, kontert Musa (Florian Lüdtke). Doch dann die Wende: Im Gerangel fällt eine Pistole auf die Bühne, und Lehrerin sieht ihre Stunde gekommen: „Ihr haltet jetzt die Fresse“, herrscht sie die Schüler an und zwingt sie zur Auseinandersetzung mit Schillers Räuber Karl Moor, mit der ästetischen Erziehung und Ferdinand, der in „Kabale und Liebe“ um die Gunst Luises wirbt. Was folgt, ist der Zusammenprall von Kulturen. „Ich möchte Euch doch nur helfen“, sagt die bewaffnete Lehrkraft, die ihren Geiseln gewaltsam ihre eigenen Vorstellung von Mündigkeit aufzwingen will. Am Ende gar will sie blutige Vergeltung üben gegen Schüler Musa, der via Handy den zur Pornografie gezwungenen Mitschüler gefilmt hat. Dass es sich dabei um den erniedrigten, unterdrückten Kurden handelt, überrascht nicht.

Die Inszenierung lebt, allerdings nicht durch die dargestellte Handlung. Die ist nicht unbedingt mit pfiffigen Regieeinfällen gesegnet. Dafür, Zuschauer über 120 Minuten ohne Pause an die Handlung zu fesseln, braucht es mehr Spannung. Aber sie lebt durch die Energie, mit der die „Schüler“, vor allem aber Karolina Thorwarth als Lehrerin agieren. Durch das stete Wechselspiel zwischen den rüpelhaften Migranten und den jungen Schauspielern, die mit hinreißendem Engagement Schiller rezitieren.

Die Ambivalenz des Stückes ist schwer zu erkennen. „Verrücktes Blut“ verweigert eine eindeutige Positionierung. Und damit bleibt auch offen, was die Zuschauer im Kulturhaus tatsächlich als Botschaft mitnehmen. Ist es nun eine Trash-Show mit inszeniert-komischen Elementen oder doch eher der Fingerzeig in Richtung eines versagenden Erziehungssystems? Eindeutiger auszumachen ist das Unbehagen, das zum stetigen Begleiter wird an diesem Abend. Das distanzierte Lachen, weil eigentlich gar nichts so wirklich komisch ist auf der Bühne.

Stehende Ovationen gibt’s für die schauspielerische Leistung. Auffällig aber ist bei der Inszenierung im Rahmen des Jugendtheaters die fehlende Jugend im Saal. Die Zuschauer unter zwanzig sind zählbar. Schade. Denn gerade für sie ist die Rabauken-Komödie konzipiert worden.

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