Er sieht sich im Recht

Jobcenter-Kunde aus MK zieht in Wohnung von totem Freund - Ärger mit Vermieter

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Der Jobcenter-Kunde sieht sich eindeutig im Recht. 

Lüdenscheid - Nach dem Tod seines Lebenspartners zieht ein Jobcenter-Kunde in die Wohnung des Verstorbenen. Der Vermieter ist damit überhaupt nicht einverstanden.

Manchmal erschließt sich der Sinn einer Strafverfolgung nur noch auf Rechtsprinzipien eingeschworenen Juristen. Das zeigte sich auch in einem Strafverfahren im Amtsgericht Lüdenscheid, bei dem die Beteiligten sich darum bemühten, das Schicksal von ein paar Kilowattstunden Strom aufzuklären.

Nach fünf Zeugen und zwei Stunden eines knallharten Indizienprozesses verurteilte Richterin Kristina Thies einen 58-jährigen Lüdenscheider wegen Entziehung elektrischer Energie zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 15 Euro. 

„Wenn ich hier verurteilt werde, gehe ich in Berufung“, kündigte der Angeklagte in seinem Letzten Wort an. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die obskure Geschichte auch noch eine Kammer des Landgerichts beschäftigen wird. 

Was war passiert? Im März 2019 war der Lebensgefährte des Angeklagten verstorben, der bis dato Mieter einer Wohnung an der Sauerfelder Straße gewesen war. Nun bemühte sich der 58-Jährige um eine Weiternutzung seines Domizils, zahlte monatelang die Miete. Sein Vermieter habe diese Zahlungen „drei-, vier-, fünfmal angenommen“, argumentierte der Angeklagte. „Dadurch bin ich regulärer Mieter dieser Wohnung.“ 

Offenbar sah der Vermieter das anders, es gab eine Räumungsklage. Möglicherweise wollte er dieser gewünschten Räumung mit etwas merkwürdigen Mitteln Nachdruck verleihen. Ihm sei ein eigener Stromzähler verweigert worden, erklärte der angeklagte Mieter. 

Der gelernte Elektriker löste das Problem auf seine Weise: Er legte ein Lautsprecherkabel aus seiner Wohnung durch den Hinterhof des Hauses bis in einen Kellerraum, wo er nach eigenen Angaben das Strom liefernde Kabel eines anderen Mieters anzapfte, das dieser durch einen Versorgungsschacht in den Keller gelegt hatte. Man helfe sich eben untereinander, versicherte der 58-Jährige. 

Ein Elektriker, der die „brandgefährliche“ Leitungsführung unterbrochen hatte, hatte Verständnis für solche Solidarität: „Wenn die Mieter sich gegenseitig Strom zuschustern, dann ist das ja in Ordnung. Wenn die sich aushelfen, hat keiner was zu sagen.“ 

Die Anklage ging davon aus, dass der 58-Jährige seinen Strom im Zeitraum vom 23. bis zum 30. Dezember 2019 und nach einer ersten Demontage der Kabel erneut vom 30. Dezember bis zum 2. Januar aus dem vom Vermieter bezahlten Allgemeinstrom bezogen habe. Dabei ging es um den Betrieb elektrischer Kleingeräte und nicht etwa um Heizenergie. 

Die erste Anklage wurde vorläufig eingestellt, nachdem der Strom liefernde Mitmieter tatsächlich bestätigt hatte, dass ein Kabel aus seiner Wohnung bis in den Keller ging. Seiner Erinnerung nach war diese Verbindung in den letzten Tagen des Jahres 2019 aber gekappt worden. Der Angeklagte versicherte hingegen, dass dies erst im Februar 2020 geschehen sei. „Ich habe zu keiner Zeit Allgemeinstrom entnommen“, wiederholte der streitbare und redegewandte Hartz-IV-Empfänger. 

In seinem Plädoyer streifte der Staatsanwalt die Erkenntnis, dass Menschen in modernen Gesellschaften Strom brauchen. Aufgrund der gegen den Angeklagten sprechenden Beweislage beantragte er die Geldstrafe von 450 Euro. Richterin Kristina Thies stützte die Verurteilung letztlich auf die Aussage des Zeugen, der nur bis Ende 2019 Strom geliefert haben wollte. In den Tagen vom 30. Dezember bis zum 2. Januar könne deshalb nur der Angeklagte den Allgemeinstrom in dem angeblich nur ihm zugänglichen Kellerraum angezapft haben. „Die einzige Person, die in Betracht kommt, sind Sie!"

Nicht mehr als Kunden des Jobcenters treten 28 Langzeitarbeitslose auf. Für sie hat die Stadt Lüdenscheid nun Stellen geschaffen. Ein Ehepaar hat sich ein kleines Zubrot verdient und landete auch vor Gericht. Weil eine 51-Jährige zu Unrecht Geld vom Jobcenter kassierte, wurde auch sie im Februar zur Rechenschaft gezogen.

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