Nach 60 Jahren im Traumjob

Die Vermessung der Stadt: Lüdenscheider (76) denkt langsam an Ruhestand

Rainer Zühlke
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Der Lüdenscheider Rainer Zühlke feierte am 1. April sein 60. Dienstjubiläum als Vermessungstechniker. Nach 60 Jahren in seinem Traumberuf denkt er langsam auch über seinen Ruhestand nach.

Viele Arbeitnehmer zählen bereits die Tage, bis sie endlich in den wohlverdienten Ruhestand gehen können. Und dann gibt es da noch Rainer Zühlke. Der feierte am Mittwoch, 1. April, sein 60. Dienstjubiläum als Vermessungstechniker.

Lüdenscheid - „Das ist mir schon fast peinlich. Ich will ja niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen“, sorgt sich der 76-jährige Lüdenscheider mit einem kleinen Augenzwinkern. Sein Chef, Jens Boden, vom gleichnamigen Vermessungsbüro, weiß indes die Arbeitskraft und Erfahrung des rüstigen Seniors zu schätzen: „Rainer Zühlke ist wohl einer der am längsten tätigen Vermesser in ganz NRW. Er kennt den Märkischen Kreis, insbesondere Lüdenscheid, wie seine Westentasche“, attestiert er dem Jubilar. Und es dürfte tatsächlich kaum jemanden geben, der sich in der Bergstadt so gut auskennt, wie er. Immerhin hat er im Laufe seines Berufslebens schon fast die ganze Stadt vermessen.

Auf die Frage, warum er immer noch so gerne arbeitet, hat Zühlke auch spontan eine Antwort: „Der Beruf ist an sich toll. Die Leute, die ihr Leben lang im Büro verbringen, die kann ich nur bedauern.“

Seit dem ersten Tag seiner Lehre sei er im Außendienst gewesen und wollte bis heute nichts anderes machen. „Ich mache im Büro so gut wie gar nichts“, beteuert er. „Ich bin immer an der frischen Luft, lerne Leute kennen und bleibe geistig und körperlich dadurch fit.“ Grippe? So etwas kennt Rainer Zühlke nicht. „Ich habe schon mal etwas Husten oder auch Schnupfen gehabt, aber eine richtige Grippe hatte ich noch nie“, attestiert er die positiven Nebenwirkungen seiner Arbeit im Freien.

Wenn der Vermessungstechniker über seine Arbeit spricht, kann er seinen Enthusiasmus nicht verbergen. „Wenn zum Beispiel ein Haus gebaut werden soll, muss der Architekt erst einmal wissen, wie das Gelände beschaffen ist, wo die Kanalanschlüsse liegen, die Gasanschlüsse oder die Bordsteine. Dann müssen die Tiefbauer wissen, wo genau die Baugrube gemacht werden muss. Der Maurer muss dann auf den Zentimeter genau wissen, wo die Mauern hinkommen. Wenn das Haus fertig ist, müssen wir noch vom Katasteramt aus das Haus einmessen.“ Und das sei nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben.

Den größten Spaß an seiner Arbeit hat Zühlke bei Vermessungen außerhalb von Ortschaften. Manchmal findet er dort Grenzvermarkungen wieder, die schon über 150 Jahre niemand mehr gesehen hat. „Sie können alle Grenzsteine wegmachen, wir können die Punkte trotzdem wiederfinden“, verrät er. Dazu brauche er kein GPS, wie es heutzutage üblich ist. Das würde besonders in ländlichen Gebieten auch nicht immer funktionieren, weil einfach kein Signal vorhanden sei. „Früher haben sie Messungslinien gelegt und am Ende eine Flasche oder ähnliches vergraben. Wenn man so etwas heute wiederfindet, ist das, als wenn man zu Ostern Eier findet.“

Besonders bei Vermessungen auf dem Land seien auf den Karten auch immer noch Maße angegeben, mit denen viele heute kaum noch etwas anfangen können: „Damals wurde nicht in Metern gemessen, sondern in Ruten. Das muss erst ‘mal umgerechnet werden. Eine Rute ist bei uns 3,77 Meter“, gibt der Fachmann einen kurzen Rückblick in die Vergangenheit der Vermessungsarbeit, die 1830 erstmalig ausgeführt wurde.

Den Weg, der ihn zu seinem Traumberuf führte, hat er damals nur zufällig eingeschlagen. „Das hat sich irgendwie so ergeben“, erinnert er sich. „Damals musste man eine Abschlussarbeit in der Realschule schreiben. Und die habe ich über Landvermessung geschrieben.“ Ein spannendes Thema, das den Lüdenscheider auch gleich dazu verleitete, sich auf eine Lehrstelle in dem Beruf zu bewerben.

Am 1. April 1961 begann er seine Lehre in der Firma, bei der er auch heute noch angestellt ist. Vermessungsbüro Dantl hieß das Unternehmen damals und war das erste Büro dieser Art in Lüdenscheid. „In den 80ern hat der Junior das Büro übernommen und von 2002 bis 2007 die Familie Siebert.“ Anschließend übernahm Jens Boden die Firma. Rainer Zühlke ist der einzige Angestellte, der nahezu seit Beginn mit dabei gewesen ist.

Nach 60 Jahren in seinem Traumberuf denkt er jetzt jedoch langsam auch über seinen Ruhestand nach. „Ich hatte das schon länger vor. Eigentlich wollte ich dieses Jahr aufhören.“ Einen guten Grund dafür gibt es auch: „Ich habe eine Enkelin, die vier Jahre alt ist. Die braucht mich mehr.“

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