Ermittler werten Videos und Fotos aus

Verletzte bei Kurden-Mahnwache in Lüdenscheid: Live-Video von Angriff bei Instagram

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Szenen aus dem Live-Video, das den Angriff zeigt. 

Lüdenscheid – Mit dem Smartphone hat ein Teilnehmer die Eskalation der Gewalt bei der Kurden-Mahnwache am Mittwoch auf dem Sternplatz live ins Internet übertragen. Das etwa anderthalbminütige Instagram-Video kursiert in den sozialen Netzwerken.

Darauf ist unter anderem die Situation zu sehen, in der ein 50-jähriger Deutsch-Türke schwerverletzt zu Boden geht. Den Ermittlungsbehörden liegt die Sequenz ebenfalls zur Auswertung vor.

Das Video zeigt den Angriff von kurdischen Kundgebungsteilnehmern auf die türkischen Störer, die um kurz vor 17 Uhr auf der Freitreppe am Sternplatz mit Türkei-Flaggen aufgezogen waren. 

Wie auf Kommando stürmen rund 20 junge Männer die Treppen hinauf und beginnen sofort auf ihre Gegner einzuschlagen und sie zu treten. Eine Passantin, die sich gerade auf der Treppe befindet, versucht sichtlich entsetzt aus der aufgebrachten Menge zu entkommen. Die zu diesem Zeitpunkt drei Polizisten auf dem Sternplatz befinden sich abseits. Die rivalisierenden Gruppen treffen ungehindert aufeinander. 

Kundgebungsteilnehmer weisen die Polizei auf die Gefahr durch die eintreffenden Störer hin. 

Zu sehen ist auch die Attacke auf den 50-Jährigen, der als einer der Ersten – eine ausgebreitete Türkei-Flagge in beiden Händen – angegriffen wird. Es kommt zu einem Tumult. Fäuste fliegen. Nur Sekunden später liegt der Mann blutend auf dem nassen Granit. Er wird am Boden liegend mit Fußtritten traktiert. 

Herzchen-Emojis als Kommentare

Während der Übertragung ins Internet haben die Follower auf Instagram die Möglichkeit, das Gesehene live zu kommentieren. Sie reagieren auf die Prügelattacke mit Herzchen- und Applaus-Emojis. 

Mit welchem spitzen Gegenstand – zunächst war von einem Messer die Rede – der Lüdenscheider am Rücken verletzt wurde, ist laut Staatsanwaltschaft noch unklar. Eine Fahnenstange, die als mögliche Tatwaffe genannt wurde, ist in dem Clip nicht zu sehen. 

Die Massenschlägerei verlagert sich anschließend vor das Juweliergeschäft. Kurz darauf beenden die eintreffenden Polizisten zum Teil unter Einsatz von Schlagstöcken die Gewalt. 

Wählten kurdische Aktivisten Lüdenscheid aus?

Derweil mehren sich die Anzeichen, dass die Lüdenscheider Mahnwache gezielt von kurdischen Aktivisten für eine Eskalation genutzt wurde. Unter den jungen Kundgebungsteilnehmern trugen mindestens zwei schon zu Beginn der Veranstaltung einen Mundschutz – offenbar in Erwartung einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Auf einem Foto ist ein junger Mann zu sehen, der an seiner Hand offenbar einen Schlagring trägt. 

Das Livevideo wurde auf dem Instagram-Account eines kurdischen Hip-Hoppers gestreamt. Er hatte in der Vergangenheit auch an anderen Demonstrationen gegen die türkische Kurden-Politik teilgenommen. Der Künstler hat mehr als 20.000 Follower bei Instagram. 

"Öcalan"-Ruf bei Angriff zu hören

Als der Angriff in Lüdenscheid beginnt, ist in dem Clip ein Ruf mit dem Namen von PKK-Führer Abdullah Öcalan zu hören. Zudem sind zwei Flaggen der PKK-Nachfolgeorganisation Koma Civaken Kurdistan (KCK) zu sehen. Sie unterliegt nach deutschem Recht dem Kennzeichenverbot und darf nicht öffentlich gezeigt werden.

Die Flagge der verbotenen PKK-Nachfolgeorganisation KCK wurde in Lüdenscheid gezeigt.

Die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen sind in Deutschland verboten und werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Organisationen der türkischen Rechtsextremen („Graue Wölfe“) stehen in Deutschland ebenfalls unter Beobachtung, sind jedoch nicht verboten.  In Lüdenscheid zeigten die türkischen Störer als Provokation den „Wolfsgruß“ und das Drei-Halbmond-Logo der MHP, der größten rechtsextremen Partei der Türkei. 

Unterschiedliche Angaben von Polizei und Linken

Otto Ersching von den Lüdenscheider Linken hatte die Kundgebung angemeldet. Er zeigte sich nicht nur von der hohen Zahl kurdischer Teilnehmer überrascht. Er habe sich auch gewundert, dass zu Beginn so wenige Polizeibeamte auf dem Sternplatz „sichtbar“ waren. 

Anders als bei Kundgebungen in der Vergangenheit habe er dieses Mal keine Auflagen durch die Polizei – zum Beispiel zur Anzahl der zu stellenden Ordner – erhalten. Polizeisprecher Dietmar Boronowski wies diese Darstellung entschieden zurück. 

Polizei: Verfügung per Post zugestellt

Ein Schreiben mit den Auflagen („beschränkende Verfügung“) sei mit der Genehmigung der Mahnwache an die Geschäftsstelle der Linken in Lüdenscheid versandt worden. Darin war den Linken unter anderem vorgeschrieben worden, dass der Veranstalter je 25 Kundgebungsteilnehmern einen Ordner stellen muss. Am Mittwoch trug allerdings bei 150 Teilnehmern lediglich Ersching selbst sichtbar eine Ordner-Binde am Oberarm. 

Der Mahnwachen-Anmelder sagte unserer Zeitung, er habe im Vorfeld mit vereinzelten Störern gerechnet: „Ich habe einen türkischen Facebook-Post zu unserer Kundgebung gesehen. Darin stand: Die Wölfe sind gelandet. Die Jagd kann beginnen.“ 

Polizei stimmte sich mit Staatsschutz ab

Die Polizei verteidigte erneut ihre defensive Strategie in Lüdenscheid. Man habe ausreichend Kräfte in Bereitschaft für den Fall gehabt, dass etwas passiere, erklärte Polizeisprecher Boronowski. Dieses Vorgehen war mit dem Staatsschutz abgestimmt. 

Verletzte bei Kurden-Mahnwache in Lüdenscheid

Nach derzeitigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft ist es im Zusammenhang mit der Mahnwache zu drei strafrechtlich relevanten Körperverletzungsdelikten gekommen. Wie Staatsanwältin Sandra Ley erklärt, ermittelt ihre Behörde derzeit wegen zweier Fälle der einfachen Körperverletzung sowie einer gefährlichen Körperverletzung, der der 50-jährige Lüdenscheider zum Opfer fiel.

"Möglicherweise fahrlässige Körperverletzung"

Doch speziell in dieser Angelegenheit könnte laut Sandra Ley „möglicherweise auch eine fahrlässige Körperverletzung vorliegen“. Das würde zu der Aussage des 50-Jährigen passen, der nach eigenen Worten lediglich verhindern wollte, dass eine türkische Flagge zu Boden fällt. Von einer Attacke mit einem Messer will der Lüdenscheider jedenfalls nichts mitbekommen haben. 

Die Staatsschutzabteilung der Hagener Kripo ermittelt und wertet aktuell weitere Fotos und Videos aus.

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