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Verkehrschaos im MK: Schienentransporte fallen aus - noch mehr Lkw

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Von: Jan Schmitz

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Lüdenscheid ist schon abgeschnitten, jetzt folgt das Volmetal, zumindest auf den Schienen. Probleme gibt es aber auch schon ohne die neue Sperrung.

Lüdenscheid – Am Bahnhof Brügge potenzieren sich seit einigen Monaten die Probleme einer ganzen Region. Hier kommt zusammen, was die die Menschen und die Natur belastet: die Schäden durch den Borkenkäfer, die Schäden durch die Hochwasserkatastrophe vor einem Jahr und in der Folge der Zusammenbruch der Verkehrsinfrastruktur. Wenn die Deutsche Bahn am 16. September – wie vorgesehen – nun auch noch die letzten Gleise im Volmetal sperrt, ist der Abtransport von abertausenden Festmeter Fichtenholz aus den Wäldern rund um Lüdenscheid auf der Schiene unmöglich. Mit unabsehbaren Folgen für den Verkehr auf der B54.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

Seit Herbst 2021 ist der Bahnhof Brügge – betrieben durch die Stadt Lüdenscheid – offiziell Verladebahnhof für das Kalamitätsholz aus der Region. Fast alle toten Fichten werden nach dem Schlagen von den Waldarbeitern direkt nach Brügge gebracht, wo sie zeitnah auf gecharterte Güterzüge verladen, über die Volmestrecke Richtung Köln transportiert und von dort über Binnen- und Seehäfen nach China verschifft werden. Fast 40 mit Holz beladene Züge haben seit Wiederinbetriebnahme den Brügger Güterbahnhof verlassen. Doch inzwischen stapeln sich die Stämme bis zu sechs Meter hoch auf der dortigen Lagerfläche.

Der Grund: Ein bereits georderter Zug mit 24 Waggons musste unbeladen die Rückreise antreten. Der Vorfall ereignete sich am 27. Juli. Der Güterzug stand schon vor dem Bahnhof Brügge, konnte wegen der seit Anfang Juli gesperrten Volme-Überführung aber nicht auf das parallele Verlade-Gleis rangieren. Erst vor Ort wurde dem Lokführer mitgeteilt, dass es für ihn hier nicht weitergeht. „Das ist so, als wenn einem Piloten im Landeanflug die Landebahn weggezogen wird“, sagt der heimische Revierförster Marcus Teuber, der die Transporte für die Waldbesitzer koordiniert.

Die Fichten-Stämme stapeln sich am Verladegleis in Brügge, nachdem einem Zug die Einfahrt in den Güterbahnhof verwehrt wurde.
Die Fichten-Stämme stapeln sich am Verladegleis in Brügge, nachdem einem Zug die Einfahrt in den Güterbahnhof verwehrt wurde. © Cedric Nougrigat

Auf Anfrage teilte die Deutsche Bahn zu dem Ereignis vom 27. Juli mit: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir über eine konkrete Trassennutzung und beteiligte Unternehmen keine Auskunft geben dürfen. Deshalb können wir uns zu dem von Ihnen beschriebenen Fall leider nicht äußern.“ Die Aussage ist überraschend, denn nach Informationen unserer Zeitung war die Bahn-Tochter DB Cargo mit dem Transport beauftragt und die DB Netz – ebenfalls eine Bahn-Tochter – untersagte vor Ort die Weiterfahrt und damit die Verladeaktion in Brügge. Die Bahn hätte also Auskunft zu dem Vorfall vom 27. Juli geben können und müssen.

Revierförster Marcus Teuber kommt diese Kommunikationsstrategie bekannt vor. Er ist nicht gut auf die Bahn zu sprechen. Von der neuerlichen Sperrung zwischen Brügge und Dieringhausen vom 16. September bis 6. Januar hat er erst vor kurzem erfahren, obwohl die Bahn betont, dass diese Maßnahme schon seit längerem geplant war. Für Teuber und die heimischen Waldbesitzer ist es „nach mehreren Tiefschlägen in der Vergangenheit der nächste kalte Schlag“, wie er sagt. Mit einer „Notlösung“ wolle man nun versuchen, bis zur Sperrung in drei Wochen wenigstens noch drei Zugtransporte durchzuführen. Dazu wird eine zweite Lok nach Brügge gebracht, die jeden Waggon einzeln ins Verladegleis schiebt. „Das sind erhebliche Mehrkosten“, sagt Teuber.

Wie es nach der Sperrung weitergeht, ist noch völlig unklar. Dabei drängt die Zeit, denn die Qualität des Holzes wird in der kalten Jahreszeit nicht besser. Dazu muss man wissen, dass auch Kalamitätsholz, das derzeit noch im Wald steht, bereits verkauft ist und nur auf den Abtransport wartet. Mindestens vier bereits geplante Züge müssen nun ausfallen, weitere hätten bis Jahresende stattfinden sollen.

Blick auf die einsturzgefährdete Volme-Überführung in Brügge. Hier darf kein Zug passieren.
Blick auf die einsturzgefährdete Volme-Überführung in Brügge. Hier darf kein Zug passieren. © Cedric Nougrigat

Auf Anfrage teilt die Bahn dazu lediglich mit: „Schienentransporte sind ab Brügge vom 16. September 2022 bis 6. Januar 2023 leider nicht möglich.“ Sie verweist auf andere Verladestellen. „Im Sauer- und Siegerland steht eine Vielzahl an Ladestellen zur Verfügung. Auch private Ladestellen können zur Verladung genutzt werden.“

Was die Bahn nicht sagt: Das gilt nicht fürs Volmetal, denn dort ist die gesamte Volmestrecke gesperrt. Den heimischen Waldbauern bleibt also für mehr als drei Monate nur der Abtransport über die Straße – über die wegen der A45-Sperrung ohnehin stark belastete B54 (Volmestraße). Um die Dimension zu verdeutlichen: Ein Zug ersetzte bislang rund 60 Lkw-Fahrten.

Gleichzeitig bahnt sich im Volmetal das nächste Verkehrschaos an. Wie berichtet, soll die Bundesstraße 54 durch die Absenkung der Fahrbahnen an Bahnbrücken in Halver-Oberbrügge und Schalksmühle-Dahlerbrück durchgängiger für den Lkw-Verkehr werden, um die A45-Umleitung in Lüdenscheid zu entlasten. Die Baustellen mit Teilsperrungen plant Straßen.NRW für den Herbst.

Bahnstrecke im Volmetal: Drama in drei Akten

Spätestens seit der Sperrung der A45 im Dezember 2021 ist Lüdenscheid von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten – zumindest mit dem Auto oder dem Lkw. Die Hoffnung, dass nennenswerte Verkehrsmengen auf die Schiene verlagert werden können, hatte sich da schon erledigt. Nach den Flutschäden im Juli 2021 war die Volmetalstrecke (RB52) zwischen Hagen-Rummenohl und Brügge zum damaligen Zeitpunkt bereits unpassierbar und wurde dauerhaft gesperrt. Anfang Juli 2022 dann die nächste Hiobsbotschaft: Knapp ein Jahr nach dem Jahrhunderthochwasser im Volmetal entdeckte die Deutsche Bahn bei einer Brückenprüfung, dass die Volme-Überführung zwischen Brügge und Lüdenscheid wegen Flutschäden einsturzgefährdet ist. Die Strecke wurde umgehend gesperrt. Wann die Brücke aus dem 19. Jahrhundert repariert und freigegeben werden kann, ist derzeit völlig unklar. Verschärft wird die Situation noch durch eine weitere Sperrung, die die Bahn vor wenigen Tagen ankündigte. Ab dem 16. September ist die gesamte Bahnstrecke zwischen Brügge und Gummersbach-Dieringhausen (RB25) dicht, weil in Dieringhausen eine Brücke erneuert werden muss. Für den Personenverkehr wird voraussichtlich bis zum 6. Januar 2023 ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Betroffen sind Passagiere, die bislang die Haltepunkte Brügge, Oberbrügge, Kierspe, Meinerzhagen, Marienheide und Gummersbach Bahnhof nutzten. Die Fahrtzeit verdoppelt sich für sie auf dem Abschnitt von 45 Minuten auf anderthalb Stunden. Güterverkehr ist in der Zeit auf der Strecke gänzlich untersagt.

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