Tankstelle in Lüdenscheid: Lkw-Fahrer tritt Mann um - dann gibt er ihm Geld

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Symbolbild

Lüdenscheid - Ein Fernfahrer aus Bergneustadt musste sich wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung vor dem Strafrichter verantworten.

Schauplatz: eine Tankstelle an der Talstraße, 20. Oktober 2018, gegen 18 Uhr. 

Es ist nur ein kleines Handgemenge zwischen einem 23-Jährigen und einem Lkw-Fahrer, 43 Jahre alt, aus Bergneustadt. Der sagt, er habe ein älteres Ehepaar nur vor dem jungen Mann beschützen wollen. Jetzt steht er wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung unter Anklage. 

Der Mann neben Strafverteidiger Franz-Günter Heß ist ein wuchtiger Typ, rund 100 Kilo schwer. Sein erster Satz vor Strafrichter Andreas Lyra klingt empört. „Zivilcourage sollte man heutzutage nicht mehr haben!“ 

Als er an der Zapfsäule stoppt und nach eigenen Worten beobachtet, wie ein junger Mann auf das Ehepaar einredet und nervt und schließlich sogar attackiert, greift er ein. Die Lage eskaliert. 

Der Angeklagte sagt, die alte Frau habe schon geheult. „Und dann hat der mich beleidigt und mir ins Gesicht gespuckt und mich an der Brust gepackt“. Schließlich sei ihm „die Sicherung durchgebrannt“. 

Der hagere 23-Jährige – offensichtlich stark angetrunken – landet nach einem Tritt des Lastwagenfahrers vor die Brust auf dem Boden, ist aber schnell wieder auf den Beinen. „Er sagte, dass er kein Geld für Essen hat.“ 

Das Handgemenge ist beendet, ihm habe der kleine Mann dann doch leidgetan, sagt der Angeklagte. „Ich habe ihm noch 20 Euro gegeben.“ Dann fährt er zur Polizei und erstattet Anzeige – gegen sich selbst. „Der Tritt war nicht schön.“ Er hasse Schlägereien. 

Die Prozessbeteiligten betrachten das Video der Überwachungskamera. Der Richter sagt: „Ich sehe keinen Angriff auf das Ehepaar. Da passiert herzlich wenig.“ 

Der Zeuge, ein Schneider aus Guinea, 17 Flugstunden entfernt, berichtet, er habe den alten Leuten helfen wollen. Die Dolmetscherin übersetzt aus dem Französischen: „Die hatten eine Panne“. Der Lastwagenfahrer habe ihn angeschrien und beleidigt. 

Ansonsten sind seine Erinnerungen vage. Er sei geschubst worden, dann sei der Angeklagte weggefahren. Vorher habe er ihm noch Geld angeboten, „aber ich hab’s nicht genommen“. 

Andreas Lyra fragt den Zeugen, ob er an dem Tag Alkohol getrunken habe. Antwort: „Ein bisschen.“ Und mit welchen Worten er beleidigt worden sei. „Daran kann ich mich nicht gut erinnern.“ Der Richter winkt ab: „Den Eindruck habe ich auch.“ 

Oberamtsanwalt Markus Desecar, der Angeklagte, dessen Verteidiger und der Richter – sie sind sich einig, dass der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung nicht zu halten ist. Lyra: „Dem Zeugen ist nichts passiert.“ 

Aber er hätte durch den Tritt auch böse verletzt werden können. Das ältere Ehepaar muss nicht mehr aussagen. Andreas Lyra sagt zum Angeklagten: „Mit Zivilcourage hat Ihr Verhalten nicht viel zu tun, Sie haben ihn niedergeknüppelt.“ 

Der Richter stellt das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage ein. Der Kinderschutzbund bekommt 500 Euro überwiesen.

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