Prozess um bewaffnete Raubüberfälle auf Spielhallen

Verfahren abgetrennt: Es geht von vorne los

+

Hagen/Lüdenscheid - Der dritte und vorletzte Verhandlungstag im Spielhallen-Prozess bringt eine faustdicke Überraschung: Die 1. große Jugendkammer des Hagener Landgerichts trennt das Verfahren gegen vier der sechs Angeklagten ab und beschließt die Aussetzung. So werden am Donnerstag aller Voraussicht nach nur zwei Mitglieder der Bande verurteilt. Der Strafprozess gegen die anderen Männer wird – Termin noch unklar – wieder von vorn beginnen. Deren Unterbringung in Entziehungsanstalten steht im Raum.

Das ist das Ergebnis der Aussagen, die die Angeklagten am Dienstag über ihren Werdegang gemacht haben. Darin werden nicht nur die Biographien zerrütteter Familien, gescheiterte Schulbesuche, Misserfolge auf dem Arbeitsmarkt oder Erfahrungen mit der Strafjustiz sichtbar. 

Der Vorsitzende Richter Jörg Weber-Schmitz interessiert sich auch für den Alkohol- und Drogenkonsum der jungen Männer. Deren Antworten auf diese Fragen sorgen für die Wende – zumindest für vier der sechs Angeklagten.

Einer gibt an, mit neun Jahren zum ersten Mal „Gras“, also Marihuana, geraucht zu haben. „In der sechsten oder siebten Klasse wurde das dann zur Alltäglichkeit.“ Er habe nach der Schule die Ausbildung abgebrochen, weiter Drogen genommen und sei mit 19 von seinen Eltern weg und zu einem Kumpel gezogen.

Hier finden Sie unsere weitere Berichterstattung zum Fall

Einer der mutmaßlichen Rädelsführer der Raubüberfälle, heute 22 Jahre alt, sagt über seine Rauschgiftgewohnheiten: „Krass! Jede Menge!“ Er habe drei bis vier Gramm am Tag geraucht. „Man fühlt sich anders, man fühlt sich wohl.“ 

Auf den Entzug in der Untersuchungshaft angesprochen, berichtet der stämmige Mann neben seinem Verteidiger Dr. Frank Nobis: „Ich hab’ ein paar Schweiß-Attacken gehabt, das war's dann.“ In seinem Bundeszentralregister-Auszug finden sich sieben Einträge.

Sein Komplize, ein 20-jähriger Lüdenscheider, sagt, er habe „selten“ mit Drogen zu tun gehabt, aber am Wochenende reichlich Whisky und Wodka geschluckt. Der zweifach Vorbestrafte, vertreten von Rechtsanwalt Michael Aßhauer, erwähnt zudem, er sei spielsüchtig. „Wenn ich Geld in der Tasche habe, dann spiele ich.“ Inzwischen hätten sich 7000 Euro Schulden angehäuft.

Auch der vierte der Angeklagten, 23 Jahre alt, nicht vorbestraft, verteidigt von Rechtsanwalt Heiko Kölz, beruft sich auf „sehr viel Alkohol“ seit dem 16. Lebensjahr. Und „seit zwei bis drei Jahren“ sei auch er der Spielsucht verfallen. An seine Beteiligung an dem Überfall in Altena könne er sich gar nicht erinnern. „Ich war so betrunken.“ Seit der Untersuchungshaft trinke er allerdings „nix mehr“.

Der Fall:

Den sechs jungen Männern wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, im Spätsommer 2016 vier Spielhallen in Lüdenscheid, Halver, Altena und Drolshagen überfallen und ausgeraubt zu haben. Dabei, so die Anklage, haben sie etwa 20.000 Euro erbeutet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare