Verdi zeigt die Zähne: Warnstreik legt MVG lahm

400 öffentlich Beschäftigte machten sich am Morgen vom Kreishaus auf den Demo-Zug am Rathaus.

LÜDENSCHEID ▪ „Das ist jetzt schon ein großer Erfolg für uns: Die MVG-Busse fahren nicht, das Bürgerbüro samt Straßenverkehrsamt ist dicht, und hier stehen an die 400 Leute!“ Bevor Josef Filippek und Bernd Benscheidt für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Südwestfalen vor dem Kreishaus erstmals ans Mikro treten, ist ihnen die Erleichterung über die eindrucksvolle Beteiligung am Warnstreik anzumerken. „Das hat es eben lange nicht mehr gegeben.“

Weniger erfolgreich war Verdi am Mittwoch im Lüdenscheider Rathaus, wo der Warnstreik nach Auskunft der Pressestelle keine größeren Beeinträchtigungen produzierte. Sogar das Bürgerbüro hatte hier geöffnet. Auch im Klinikum Hellersen und beim Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb war die Beteiligung zurückhaltend, was insbesondere beim STL auch die Gewerkschafter überraschte. Vor dem Kreishaus, auf dem eindrucksvollen Demozug durch die Stadt und später bei der Kundgebung am Rathaus aber boten sich Bilder, die Passanten stocken und Marktbesucher neugierig werden ließen.

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Warnstreik in Lüdenscheid

Vor einer bunten Wand aus Westen und Transparenten schnappt sich Benscheidt zum Auftakt im Hof des Kreishauses das Mikrofon: „6,5 Prozent mehr, aber mindestens 200 Euro!“, nennt er nur die Hauptforderung dieser Tarifrunde – und erhält sofort lauten Beifall. Später, bei der Bilanz im Streiklokal Dahlmann, wird er sagen, dass es wohl gerade die klare Forderung war, die für die gute Beteiligung sorgte: „Die Leute brauchen mehr Geld.“

Als Benscheidt im Namen von Verdi vor dem Kreishaus alle Anwesenden begrüßt, ruft einer zurück: „Auch die an den Fenstern!“ Tatsächlich stehen oben hinter vielen Scheiben Kreisbedienstete, die auf die Warnstreikenden im Hof heruntersehen.

Diese Zuschauer geben Gastredner Bernd Schildknecht unten das Thema vor: „Für euch wie für uns Metaller fällt nichts vom Himmel, wir müssen uns alles erkämpfen und noch stärker zusammmenrücken“, ruft der Erste Bevollmächtigte der IG Metall. Würden alle so handeln wie die an den Fenstern, „dann hätten wir heute noch die 48-Stunden-Woche und Arbeitsbedingungen wie in den Fünfziger Jahren!“

Nach einer Tarifrunde seien viele Nichtorganisierte „die ersten, die nach der neuen Gehaltstabelle fragen“. Wer von Arbeitskämpfen profitiere, ohne Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen, müsse sich eine Vorteilsnahme ebenso vorhalten lassen wie Ex-Bundespräsident Wulff. Wieder brandet Applaus auf, und Schildknecht knöpft sich den Kollegen vor, „der keiner ist“. Gemeint ist der für Kindergärten zuständige Fachdienstler, der am Mittwoch in den LN die Präsenz von Kräften in den Kitas damit erklärt hatte, dass es dort eben auch viele Unorganisierte gebe: „Von ihm erwarte ich, dass er demnächst öffentlich seinen Verzicht auf die anstehende Gehaltserhöhung erklärt“, poltert Schildknecht.

Der Verdi-MK-Vorsitzende „Jupp“ Filippek gibt auch vor den Warnstreikenden zu, dass er vorab sehr unsicher war, was die Beteiligung angeht. Und frühmorgens beim Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb STL schienen sich seine Vorahnungen zu bestätigen: „Da war viel Verunsicherung, es gab viele Fragen.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der gerade die STL-Werker einst an vorderster Streikfront standen, ist heute nicht mehr da. „Vielleicht“, sagt er am Nachmittag bei Dahlmann, „haben auch wir da in den letzten Jahren geschludert.“

Umso erleichterter sei er gewesen, als der Betriebsratsvorsitzende der MVG, Dirk Seibel, ihm in der letzten Woche ankündigte, dass alle Busse im Depot bleiben würden. Früher sei es meist so gewesen, dass die Busse durchs Märkische rollten, während in den Nachbarkreisen alle Räder still standen, erinnert sich Filippek an blamable Szenen. „Hier hat Dirk Seibel eine Klasse-Arbeit geleistet.“

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