Persönliches Drama Wocheneinkauf

Vater und Mutter aus MK berichten: So verrückt ist ein Leben mit Drillingen

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Die Drillinge Svea, Linn und Janne Kreisel (von links) bei ihrer Einschulung.

Lüdenscheid - Babys sind immer eine Herausforderung, das können alle Eltern bestätigen. Doch wie ist das, wenn man statt einem Säugling gleich drei auf einmal versorgen muss? Drillinge stellen ihre Familien ganz besonders auf die Probe, und sie sind selten: In ganz Deutschland wurden im Jahr 2004 in nur 338 Familien Drillinge geboren. Familie Kreisel war eine von ihnen.

Heute sind die drei Mädchen 16 Jahre alt und haben gerade ihren Realschulabschluss an der Theodor-Heuss-Realschule gemacht. Wenn ihre Eltern Sandra und Andreas an die Vorbereitungen und die Kleinkind-Phase denken, wird ihnen heute noch schwindlig. „Wir haben uns in die Augen geguckt und gefragt: Kriegen wir das hin? Die Antwort war: Muss ja.“

Die gebürtige Lüdenscheiderin und der Software-Entwickler aus Altena erinnern sich noch gut an den Moment, als sie beim Arzt erfuhren, dass sie Drillinge erwarten. Damals wohnte die dreiköpfige Familie – Tochter Liv war gerade eineinhalb Jahre alt – im hessischen Kurort Bad Nauheim. Die gelernte Buchhändlerin Sandra zog einige Wochen vor der Geburt wieder in die Bergstadt, damit die Großeltern Liv versorgen konnten, während sie sich ein wenig schonte. Andreas arbeitete währenddessen weiter in Bad Nauheim, das Paar führte eine Wochenend-Ehe.

Ratschläge aus Mehrlingsforen

„Beim ersten Ultraschall sah man sogar nur zwei“, erinnert sich Sandra. „Da haben die Ärzte noch gesagt, suchen Sie sich nicht zwei Namen aus, die Hormonwerte sind nicht sooo. Ja, so kann man sich irren.“ Auch die logistische Planung stellte das Paar auf die Probe. Was nimmt man für einen Kinderwagen? „Das war die schwierigste Entscheidung. Aber der größte Batzen war das Auto.“ Letztendlich fiel die Entscheidung auf einen Van. „Der hat uns gute Dienste geleistet. Dann sind wir auf Babyflohmärkte gegangen.“ Ratschläge holte sich Sandra damals in Mehrlingsforen im Internet.

An einem Sonntagmorgen im Juni 2004 erblickten die dreieiigen Drillinge Svea, Janne und Linn in der Berglandklinik in Lüdenscheid das Licht der Welt, ziemlich genau acht Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Sechs Wochen später zog die nun sechsköpfige Familie dann wieder in ihre Wohnung nach Bad Nauheim. „Das war eigentlich eine super Wohnung, war aber dann halt ein bisschen eng. Und wir haben gesagt, wir brauchen die Familie als Unterstützung, die Omas und Opas. Ich habe auch gesagt, ich fände es schön, wenn die Großeltern mehr von ihren Enkelkindern haben“, erzählt Sandra. Die Familie zog wieder nach Lüdenscheid, als die Drillinge 15 Monate alt waren.

Die Versorgung der Drei war anfangs eine Herausforderung. „Aber man kommt auch da in Übung“, versichert Andreas. „Wenn die in ihrer Wippe liegen, alle drei nebeneinander, dann macht man seine drei Fläschchen, hat zwei Hände, das geht deutlich schneller, als wenn man drei Kinder nacheinander großzieht. Das ist eigentlich schon ziemlich optimiert.“ Die Rekordzeit bei der Versorgung nachts lag bei unter einer Stunde. Dennoch beschäftigte das Paar anfangs eine Haushaltshilfe, die die Familie unterstützte.

Vier Wickelkinder auf einmal

Auf die Frage, welche Phase rückblickend am anstrengendsten war, gesteht Andreas: „Also ich fand die Windelphase einfach am schlimmsten.“ Sandra ergänzt: „Ja, also ich will auch nicht mehr zählen, wie viele Windeln das gewesen sind. Wir hatten ja vier Wickelkinder.“ Auch der erste Kindergartenwinter sei nervenzehrend gewesen: „Da ist man mit einer Bindehautentzündung ins Krankenhaus und kam mit einer Magen-Darm-Grippe wieder raus.“

Um sicherzustellen, dass die erstgeborene Tochter Liv nicht zu kurz kam, nahmen sich die Kreisels auch immer wieder bewusst Zeit für sie allein. Einmal die Woche besuchte Sandra mit ihr einen Musikkindergarten, während eine Freundin zu Hause aushalf. „Liv musste halt wirklich früh selbstständig werden, und das merkt man ihr heute, finde ich, an. Dass sie unbeschadet da raus gekommen ist, finde ich ganz schön“, schmunzelt Sandra.

Svea, Linn und Janne entsprechen nicht dem typischen Klischee eines Drillings-Trios, das alles zusammen macht, sondern gehen ihren eigenen Weg. „Die mussten sich ja nie so wie echte eineiige Zwillinge oder Drillinge voneinander abgrenzen, sondern es war ganz klar, das sind eigene Persönlichkeiten, das merken sie offenbar auch selber“, sagt Andreas. „Dieses total Innige, was man von den Eineiigen immer so hört, das sehe ich da jetzt nicht. Sie sind eher wie normale Schwestern“, bestätigt Sandra. „Als wir hierhin gezogen sind, haben die ja auch alle drei direkt ihr eigenes Reich bekommen und es hatte jeder die Möglichkeit, sich individuell zu entfalten oder sich auch aus dem Weg zu gehen.“

Als größte Herausforderung sieht Andreas heute vor allem die Berge von Wäsche, die jede Woche anfallen. Für Sandra gibt es noch eine weitere Hürde des Alltags: „Der Wocheneinkauf ist mein persönliches Drama. Da gibt es die Anekdote: Als es mit den Hamsterkäufen losging, da habe ich im Supermarkt gestanden und habe meine Einkäufe eingeladen und da hat eine Frau zu mir gesagt: ‘Oh, sie machen auch einen Hamster-Einkauf?’ Und dann habe ich gesagt: ‘Nein, das ist mein normaler Wocheneinkauf. Wenn ich hamstern wollte, bräuchte ich einen Lkw.’“ 

Ein häufiges Diskussionsthema im Hause Kreisel ist der Zustand der Küche, das Zentrum des Hauses: „Wenn die da nachts durchziehen wie die Heuschrecken, dann sieht das halt morgens entsprechend so aus. Aber das ist in jeder WG nicht anders würde ich mal sagen. Wir sind sechs Erwachsene mehr oder weniger, da entsteht eine Menge Dreck und Chaos und leider auch Wäsche.“

Nach zehn gemeinsamen Schuljahren werden sich die Wege von Svea, Linn und Janne nun trennen. Sie werden auf unterschiedliche Schulen wechseln, um dort ihr Abitur zu absolvieren.

Als Nächstes kommt der Führerschein

„Die nächste Herausforderung ist dann übrigens, dass nächstes Jahr der Führerschein ansteht für mehrere Damen gleichzeitig. Linn scharrt eigentlich schon mit den Hufen, nur Svea will keinen Führerschein machen. Die zieht wahrscheinlich nach Berlin und braucht dann keinen .“ Andreas ist zudem gespannt, wie sich das Verhältnis der drei entwickeln wird, wenn sie alle ihren Weg gefunden und das Elternhaus verlassen haben: „Ob die noch einen engen Draht haben oder sich dann doch irgendwie in der Welt verlieren, das kann alles sein.“ Nächstes Jahr wird wahrscheinlich Liv als Älteste nach dem Abitur zum Studium weggehen. „Aber ob es dann ruhiger wird, ich habe da meine Zweifel. Es bleibt spannend. Mal gucken, wo die Nerven in ein paar Jahren hängen“, lacht Sandra.

Von Nele Gerbersmann

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