Ein kleiner großer Geiger geht

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Geigenlehrer Valerij Kechter (rechts) mit seinem Nachfolger Johannes Gehring.

LÜDENSCHEID - Er hatte in seinem Leben viel erreicht: Solist, ausgezeichneter Geiger mit einer seltenen Würdigung im eigenen Land, Konzertmeister, Dirigent in Kasachstan, immer irgendwo auf der Bühne. Als Valerij Kechter dann mit 46 Jahren als Russe mit deutschen Wurzeln sein Land verließ und in einer Düsseldorfer Arbeitsvermittlung vorsprach, erntete er nur ein mitleidiges Lächeln – mit 46 Jahren gehöre er zum alten Eisen, zu teuer, keine Chance auf ein Leben mit Musik in Deutschland.

Von Jutta Rudewig

Das war 1994. Gestern begann für den verdienten und langjährigen Geigenlehrer der Städtischen Musikschule der Ruhestand – nach einem erfüllten Leben als Solist und Dirigent, Musikschullehrer und Geiger mit Herz und Seele in Deutschland. „Ich würde diesen Herrn gern noch einmal treffen und ihm sagen, was ich alles erreicht habe hier“, sagt Valerij Kechter mit einem Augenzwinkern. Nur um ihm zu sagen, dass es doch geht.

Der kleine Mann mit der Geige kann sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. 1949 geboren, feierte er am Dienstag Geburtstag, und damit endete seine aktive Laufbahn bei der Stadt Lüdenscheid. Insgesamt 17 Jahre arbeitete er in der Musikschule, hat viele Schüler kommen und gehen sehen, die einen besser, die anderen schlechter: „Man muss üben, ohne Übung kein Instrument.“ Die Zeit sei wie ihm wie ein Augenblick vorgekommen, obwohl die Anfänge in Deutschland „schrecklich waren“. Professioneller Klavierstimmer sei er in Russland gewesen, habe Steinways gestimmt. Aber er hatte keine Papiere und damit keine Möglichkeit, in Deutschland wenigstens in diesem Berufszweig Fuß zu fassen.

Dann kam die Begegnung mit der Musikschule Lüdenscheid, von da an ging’s für den Deutschrussen bergauf: „Die Lehrmethoden sind hier völlig anders“, erinnert er sich in seinem Deutsch mit dem charmanten Akzent der Russen, „die Atmosphäre war nett und freundlich – aber so viele Kinder auf einmal.“ In seiner ehemaligen Heimat erreichen nur die besten der Besten die Aufnahme an einer Musikschule, drei, vielleicht vier Kinder, die intensiv beschult werden und von daher schon in sehr jungen Jahren große Erfolge verzeichnen können: „Man kann auswählen, welche man für die Besten hält. Geige ist ein sehr schweres Instrument. Das Interesse ist groß, aber viele hören zwischendurch auf, weil heute einfach die Zeit zum Üben fehlt“.

Musikschulleiter Franz Schulte-Huermann kennt die Problematik – zu viel Ablenkung und das Schulsystem nehmen den Kindern heute die Muße, sich intensiv mit der Musik auseinander zu setzen. Gemeinsam mit Patricia Stahlschmidt vom Personalrat der Stadt verabschiedete er den verdienten Pädagogen, überreichte ihm eine der letzte Weinflaschen, deren Etikett der Lüdenscheider Künstler Peter Sippel vor Jahren gestaltete.

Valerij Kechter geht nach eigenem Bekunden mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits, so sagt er, beginnt für ihn ab heute ein neuer Lebensabschnitt, aber andererseits kann er ohne seine Musik nicht existieren. Dem Lüdenscheider Kammerorchester bleibt Kechter als Solist auf jeden Fall erstmal erhalten. Und ob er ab und wann mal wieder in die Musikschule dürfe, nur so als Gast, fragt er leise, fast schon verschämt. Jetzt müsse er erstmal zuhause seine Platten- und CD-Sammlung in Ordnung bringen, aber danach vielleicht?

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