Urteil knapp zehn Jahre nach Missbrauch

LÜDENSCHEID - Knapp zehn Jahre ist der erste Übergriff auf die Enkelin seiner zweiten Frau jetzt her. Nun hat das Schöffengericht einen 65-jährigen Hilfsarbeiter wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in drei Fällen verurteilt. Im Hinblick auf sein Geständnis, sein bislang leeres Vorstrafenregister, einen kürzlich erlittenen Schlaganfall und die desolate finanzielle Lage des Beinahe-Rentners urteilten die Richter vergleichsweise milde: eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe mit Bewährung. Keine Geldbuße, keine Sozialstunden.

Von Olaf Moos

September 2004: Das Mädchen ist gerade zwölf und soll eine Zahnspange bekommen. Weil die Mutter keine Zeit hat, ihre Tochter am frühen Morgen zum Kieferorthopäden zu begleiten, springt Oma ein – und beherbergt ihre Enkelin nachts im Wohnzimmer, um sie morgens zum Arzt zu bringen. Oma und Kind schlafen schon, als der Stiefgroßvater von der Spätschicht kommt. Er zieht sich aus, legt sich zu dem Mädchen und betatscht es von oben bis unten.

Das passiert nach Überzeugung der Staatsanwältin dreimal. Die Staatsanwältin beantragt eine Strafe von einem Jahr und zehn Monaten mit Bewährung. Richter Jürgen Leichter sagt: „Die Auswirkungen auf das Opfer sind meist gravierender als man es auf den ersten Blick meint.“ In der Tat: Das Kind wächst mit Depressionen heran, es ritzt sich die Arme blutig, eine Psychotherapie wird nötig. Die Mutter will die Sache nicht an die große Glocke hängen. „Das ist doch nicht so schlimm“, soll sie gesagt haben. „Vergiss es einfach!“

Doch 2013 kommt doch alles heraus. Im Haus Hellersen muss sich die junge Frau, die ein Praktikum absolviert, abermals eines sexuellen Übergriffs erwehren. Eine Kollegin rät ihr zur Strafanzeige. Im Zuge der Vernehmungen erwähnt sie auch die alte Geschichte über den Großvater. Die Frau sagt unter anderem: „Er wusste, dass ich so schüchtern bin, dass ich sowieso nichts sage.“ Und: „Am nächsten Morgen grinste er immer so doof.“ Eine Psychologin begutachtet die Belastungszeugin und attestiert „keine Falschbelastungsmotive“ und hohe Glaubwürdigkeit.

An Details will sich der Angeklagte nicht erinnern können – wegen des Schlaganfalls zwischendurch. Aber Strafverteidiger Holger Becher hat ihn immerhin dazu gebracht, nichts zu bestreiten. Damit erspart der alte Mann seiner Enkelin eine Vernehmung vor Gericht. Sie kann nach Hause. Ihre Tränen sehen nicht nur nach Erleichterung aus.

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