Lange Haftstrafen für die Zuhälter

Lüdenscheid - Das Mitleid mit der jungen Prostituierten kommt zu spät. Ihre Peiniger haben vor dem Richterspruch das letzte Wort und beteuern, wie leid ihnen alles tut. Aber die 1. Große Jugendkammer des Landgerichts ist überzeugt von der Richtigkeit der Anklage. Sie müssen lange in Haft.

Von Olaf Moos

Der Fall

Ein 20 und ein 25 Jahre alter Lüdenscheider stehen in Hagen wegen Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung und Körperverletzung vor Gericht. Sie sollen im August 2014 eine damals 19-Jährige, die in einem Hagener Bordell arbeitete, massiv unter Druck gesetzt und ihr die Einkünfte gewaltsam abgenommen haben.

Der 20-jährige Haupttäter wird zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren verurteilt. Sein fünf Jahre älterer Komplize muss für vier Jahre ins Gefängnis. Das Urteil ergeht wegen ausbeuterischer Zuhälterei und erpresserischen Menschenraubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

Damit tun die Richter unter Vorsitz von Marcus Teich weit mehr, als das Opfer, eine 19 Jahre alte Lüdenscheiderin, von der Justiz erwartet hat. Deren Nebenklagevertreterin, Rechtsanwältin Petra-Maria Borgschulte aus Hamm, sagt in ihrem Plädoyer: „Meine Mandantin will nur gerichtlich festgestellt haben, dass ihr großes Unrecht widerfahren ist.“

"Frau war in einer verzweifelten Notlage"

In der Urteilsbegründung stellt Richter Teich heraus, wie groß das Unrecht tatsächlich war. „Die junge Frau war in einer verzweifelten Notlage. Und ausgerechnet so jemanden suchen Sie sich aus, um sich zu bereichern.“ Wochenlang haben die beiden Männer ihrem Opfer, dass wohl allzu naiv ins Hagener Rotlichtmilieu abgetaucht war, sämtlichen Dirnenlohn abgenommen – und es geschlagen und bedroht, damit das so bleibt.

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Doch ein einziges Mal wagt die Frau es, 500 Euro für sich zu behalten, um die Miete für das Bordellzimmer bezahlen und Lebensmittel kaufen zu können. Ein Taxifahrer, der sie nach einem Job aus einer Lüdenscheider Kneipe zurück nach Hagen fährt, verpetzt sie bei ihren gewalttätigen Zuhältern.

"Massive Misshandlungen"

Was sie danach in dem Wald erlebt, in den die Männer sie entführen, bezeichnet Staatsanwalt Christoph Bussmann als „furchtbare Tortur“, Richter Teich spricht von „massiven Misshandlungen“. Zwar versuchen die Verteidiger, das Gericht davon zu überzeugen, dass es sich „nur um eine Strafaktion“ gehandelt habe, um den Tatbestand des erpresserischen Menschenraubes wegzudiskutieren. Aber die Richter sind überzeugt: „Es ging ihnen um nichts anderes als um die 500 Euro.“

Tränen im Zuschauerraum

Bei den zahlreichen Angehörigen der Verurteilten im Zuschauerraum fließen Tränen. Der ältere der beiden Angeklagten schüttelt verzweifelt den Kopf. Sein Komplize, achtfach vorbestraft und bislang „durch nichts beeindruckt“, wie Teich sagt, quittiert den Richterspruch blass und äußerlich regungslos.

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