Zweieinhalb Jahre Haft für Kollekte-Räuber

LÜDENSCHEID - Der schwerkranke Angeklagte gibt sich keinen Illusionen mehr hin. Sein Blick auf die eigene Vergangenheit fällt nüchtern aus. Sollte er den Kampf gegen Hepatitis C, Lymphknotenkrebs und gegen seine Drogensucht überleben, warten zweieinhalb Jahre Gefängnis auf ihn.

Der Fall

Der 40-jährige Angeklagte hat zugegeben, am 17. August zusammen mit einem Komplizen 2700 Euro aus der Kollekte des Wiedenhofs an der Bahnhofstraße gestohlen zu haben. Als zwei Mitarbeiter die Täter überraschten, wurden sie durch Stiche mit einer Nadel leicht verletzt. Die Beute setzten die Räuber in Heroin um. Der Angeklagte hat den Namen seines Mittäters preisgegeben. Wegen seiner Sucht stand auch die Frage nach der Schuldfähigkeit im Raum.

Von Olaf Moos

Der Gefangene kommt über eine Treppe in den Gerichtssaal – keuchend, als ob er einen Marathonlauf absolviert hätte. Sein Zustand ist lebensbedrohlich, stellt Richter Deipenwisch fest. „Eine Drogentherapie würde er jetzt gar nicht durchstehen.“ Der 40-Jährige sei ein „Ausnahmefall“.

So fallen auch die letzten Worte des heroinsüchtigen Straftäters vor der Urteilsverkündung aus. Mühsam wieder zu Atem gekommen, hat er Gelegenheit, seine Gedanken zu sortieren und dem Gericht mitzuteilen. „Ich bin ja sehr hafterfahren“, beginnt er. „Das Gefängnis hat nie einen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Es war mir immer egal, ob ich eingesperrt bin oder nicht. Ich hatte ja nie soziale Kontakte nach draußen.“

Aber er hat noch nicht mit allem abgeschlossen. Bevor er verstummt, sagt er: „Jetzt habe ich eine Freundin, die mit mir kämpft.“ Jetzt wolle er „zum ersten Mal ernsthaft“ mit seinem Leben umgehen – und den Rest seiner Zeit sinnvoll nutzen.

Nach Überzeugung des Gerichts hat der 40-Jährige „eine realistische Chance, noch einige Jahre unter uns zu weilen“. Der schwere räuberische Diebstahl in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung im Therapiezenterum Haus Wiedenhof muss einerseits geahndet werden. Zweieinhalb Jahre seien tat-und schuldangemessen.

Dazu verurteilte die 9. große Strafkammer des Landgerichts den 40-Jährigen – hob aber den Haftbefehl gegen ihn auf. Vorsitzender Richter Till Deipenwisch: „Wir sehen keine Fluchtgefahr. Er kann nirgendwo hin.“

Andererseits „hat er erst einmal drei Baustellen zu bearbeiten“. Es liege am Angeklagten selbst, jetzt seinen Weg zu gehen, sagt Deipenwisch. Der kranke Mann nickt dazu.

Die Bediensteten des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg, in dem er bislang lag, haben schon seine Habseligkeiten zum Gericht mitgebracht. Die Familie seiner Freundin ist im Saal und beäugt ihn argwöhnisch.

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