Urteil nach Tod auf der Talstraße

Mit Kerzen gedachten viele Menschen des 21-Jährigen, der am 7. Mai 2011 auf der Talstraße starb.

LÜDENSCHEID ▪ Der Tod eines 21-Jährigen, der am 7. Mai 2011 auf der Talstraße von einem Auto überrollt wurde, ist strafrechtlich aufgearbeitet: Ein erweitertes Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Jürgen Leichter verurteilte die 70-jährige Täterin wegen unerlaubter Entfernung vom Unfallort zu einer Geldstrafe von 1050 Euro.

Hintergrund:

Außerdem bekommt die Frau ihren Führerschein nicht vor Ablauf von weiteren sechs Monaten zurück. Den Anklagepunkt der fahrlässigen Tötung sah das Gericht als nicht erwiesen an. „Wir alle fragen uns: Hätten wir diesen Unfall vermeiden können? Wir haben da erhebliche Zweifel“, sagte Leichter in seiner Urteilsbegründung. Die Angeklagte habe wenig Chancen gehabt, das auf der Straße liegende Opfer zu erkennen. Sie sei deshalb nicht schuld an seinem Tod. Nach dem tödlichen Unfall hätte die Angeklagte aber sehr wohl ahnen können, dass etwas Gravierendes passiert war: „Sie hat billigend in Kauf genommen, dass es sich bei dem Unfallopfer um einen Menschen handelte.“

Elf Zeugen und drei Sachverständige hatten zuvor in dem Prozess ausgesagt. Dabei wurden die Ereignisse der Todesnacht noch einmal minutiös rekonstruiert. Dies war vor allem deshalb möglich, weil die Ermittlungskommission der Lüdenscheider Polizei „mit großem Eifer und großer Man-Power“ ermittelt hatte, wie es Richter Jürgen Leichter formulierte. Dazu waren unter anderem Video -Aufzeichnungen einer Tankstelle ausgewertet worden. Den entscheidenden Hinweis hatte ein an der Unfallstelle gefundenes Bauteil des Citroën Xanthia der Angeklagten gegeben.

Der technische Sachverständige Gundolf Straub machte deutlich, dass „der Getötete nicht aufrecht erfasst worden sein kann“, sondern auf der Straße gelegen hatte, als das Fahrzeug der Angeklagten über ihn hinwegrollte. Ein auf der Straße liegender Mensch sei als solcher ein eher ungewöhnlicher Anblick, so dass der Sachverständige es durchaus für wahrscheinlich hielt, dass die Unglücksfahrerin – zumal bei Nacht – das Hindernis nicht als das erkannte, was es war: ein Mensch.

Harte Kost bot der rechtsmedizinische Gutachter Dr. Ralf Zweihoff, der von einer „ultrakurzen Agonie“ des Opfers sprach. Durch schwerste Verletzungen im Schädelbereich trat der Tod unmittelbar ein.

Staatsanwalt Bußmann forderte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung, Verteidigerin Dörthe Clemens einen Freispruch. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. ▪ thk

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