Unterwegs in einer Stretch-Limo

Einsteigen zur etwas anderen Stadtrundfahrt

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Lüdenscheid - „Es ist gar nicht so leicht, ein Star zu sein.“ Anke Hansen seufzt, während sie versucht, ihre langen Beine elegant durch eine erstaunlich normal große Autotür im Heck einer Stretch-Limo zu verstauen.

Von Susanne Kornau

Vorsichtshalber zücken die jungen Leute, die die Szene am ZOB Sauerfeld beobachten, ihre Handys. Wer weiß, vielleicht ist die große Blonde mit Sonnenbrille und High Heels, die statt der Linie 46 Richtung Schäferland den XXL-Chrysler zum Schloss Neuenhof nimmt, tatsächlich eine Prominente, eine Celebrity. So nennt man die Stars im Heimatland des Überschäumenden, Übergroßen, Überlangen, Übertriebenen, den USA. Von dort stammt auch der 8,60 Meter lange Chrysler 300 C, der seit ein paar Wochen einen Hauch von Hollywood in die Hügel der Bergstadt bringt. Das Flaggschiff des Limousinenservices „Trend Cars“, Kölner Straße. Celebrity unter den Automobilen. Ercan Ak hat den Sechszylinder, Nummer Eins einer geplanten kleinen Partyflotte, vor ein paar Wochen aus Holland geholt. 2005 in Amerika gebaut, hat der lange Silberne auch schon auf Londons Straßen einen Teil seiner 125 000 Kilometer aufs Tacho gerollt. Dort, in den Großstädten dieser Welt, gehören die extra langen Autos zum Stadtbild. Dort, wo es extra lange Straßen gibt, große Kurvenradien, großzügige Weite eben.

Bilder einer außergewöhnlichen Rundfahrt

Unterwegs mit einer Stretch-Limo in Lüdenscheid

Im Kreisverkehr Am Schäferland wird’s gerade eng. Bei 24 Meter Wendekreis, so viel wie ein 13-Meter-Linienbus, braucht man nicht einmal so zu tun als könnte man sich in die Kurve legen. Also geht’s auf geradem Weg Richtung Schloss. „80 Prozent schaffe ich“, sagt Ercan Ak, und meint die Punkte, die er anfahren kann in Lüdenscheid. Nerven aus Stahl sind hilfreich, wenn hinten ein Taxi an der Stoßstange klebt und man im dritten Versuch immer noch nicht die Kurve um die Verkehrsinsel kriegt, die der Kleinwagen zuvor flott genommen hat. Beim Rückwärtsfahren helfen Doppelspiegel und Gefühl; die Rückfahrkamera hat er ausgebaut – weil die Fahrgäste sich nicht beobachtet fühlen sollen. Wer’s richtig privat will, schließt die spiegelverglaste Trennscheibe zum Fahrer.

Während die kleine Gesellschaft im Inneren komfortabel auf wellenförmig in Graustufen gepolsterten Sitzen reist, schweift der Blick über die lange Bartheke, in der bei jeder Steigung, in jeder Kurve, die Limo-Dosen durch den Kühltunnel rutschen. Die Sektgläser hingegen hängen griffbereit und rutschsicher, „Herzog Alba“, halbtrocken, scheppert leicht im Kühler. Doch solche Geräusche hört nicht, wer den Wagen bestimmungsgemäß nutzt. Es ist eine Party-Limo mit zuckender Laser-Lichtshow, mit Sound-System und kleinen Bildschirmen, auf denen Musikvideos mit sprechenden Unterhosen, Bikini-Mädels und allerlei Sonnengebräunten nicht halb so spannend sind wie die Reaktionen vom Straßenrand.

Nur im Schleichgang unterwegs

Kurzer Fotostopp vorm Schloss. Anke Hansen, Visagistin und Kosmetikerin, findet den passenden Rahmen für den großen Auftritt, auf den sie sonst gerne andere vorbereitet. Wer lieber unauffällig durchs Leben zieht, der wird die 170 Euro pro Stunde nicht investieren. Aber wer sich den Spaß teilt, merkt gar nicht, wie schnell die erste Stunde um ist und gönnt sich für 99 Euro vielleicht noch eine zweite. Am reinen Fahrspaß kann’s nicht liegen, denn drinnen ist’s bei voller Belegung enger als gedacht: außen Stretch, innen quetsch. Trotzdem: Drei Meter und 60 Zentimeter mehr Länge im Vergleich zum Normalmodell – da kriegt man schon einiges unter. Große Ereignisse, besondere Momente, einmalige Erlebnisse. Weiter geht’s. Übers Bräuckenkreuz, Wendemanöver in einem Zug übers Tankstellengelände, dann, via Hochstraße und Staberg mühsam um den Insel-Engpass Richtung Bergstadt-Gymnasium, Saarlandstraße. Junge Leute, die angeblich so abgeklärte Video-Generation, gucken hinterher, staunen, bleiben stehen, zücken das Handy. Grauhaarigen Passanten ist „das Schiff“ offensichtlich suspekt. „Muss das sein?“, scheinen die Blicke zu sagen. 20 Liter auf 100 Kilometer muss schon sein; leer erreicht der Chrysler eine Geschwindigkeit von etwa 150 km/h. Sind Tank und Wagen voll, kommt das 3,5-Tonnen-Gefährt auf bis zu 120 km/h, sagt der Chauffeur.

Im Moment ist der gelernte Gas-Wasser-Installateur, der sich von seiner im Umkreis seltenen Geschäftsidee eine solide Selbstständigkeit erhofft, nur im Schleichgang unterwegs. Zeit, um die Gesichter an der Ampel zu studieren: Der Hintermann wundert sich über nichts, klar, blickt er doch auf ein normales Chrysler-Heck. Auf der Nebenspur wird ein Blick riskiert, nicht ahnend, dass man gerade selbst eingehend gemustert wird: Sehen und nicht gesehen werden. Eine Ganzkörper-Sonnenbrille. Das hat was. Wenn’s dunkel wird draußen oder der Weg durch einen Tunnel führt, zaubert der Sternenhimmel Cote’d’Azur-Atmosphäre, kleine Lichter malen die Skyline einer glamourösen Welt. Jenseits der schwarzen Scheibe ist das Loher Wäldchen.

Als die Scheibe sich auf Knopfdruck senkt, steht die Limo vorm Schulhof des Bergstadt-Gymnasiums. Beim Schulschluss vor den Weihnachtsferien herrscht Hochbetrieb, Kinder warten auf den Bus, den Mund geöffnet, den Kumpel heranpfeifend: „Komma schnell“. Diesmal steigt ein junger Passagier zu, bricht den Bann. Rucksäcke fliegen auf den Gehsteig, Blicke ins Innere. Ege (12) und Luca (10) sind sich einig: „Das ist riiichtig cool.“ Ein paar Mädels dürfen zum Erinnerungsbild auf die Rückbank. Zwölf sind sie, eine 13, ein paar Jahre dauert’s noch, dann könnte es stilecht zur Abi-Party gehen. Oder zum Junggesellinnenabschied. „Ey, der Bus kommt!“ „Egal.“

Hätte der Wagen einen Sitzplatz mehr, nämlich zehn, hätte Ercan Ak einen Busführerschein gebraucht. So allerdings hat er, der privat mit einem Audi A3 unterwegs ist, einen Personenbeförderungsschein gemacht und eine Extra-Prüfung absolviert. Acht Gäste, ein Fahrer, Beifahrersitz ausgebaut – passt.

In ein paar Dinge will Ercan Ak noch investieren. Einen kleinen roten Teppich will er noch ausrollen können. Und einen etwas größeren Regenschirm griffbereit haben. Selbst das gilt manchem Sauerländer schon als Luxus.

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