Prozess: Unterbringung zur Bewährung ausgesetzt

LÜDENSCHEID - Noch drei Monate forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn, dann ist die 42-jährige Anstreicherin wieder in Freiheit. Das Schwurgericht verkündete am Montag zwar den Unterbringungsbeschluss gegen die Frau, setzte ihn aber zur Bewährung aus. Damit verbunden ist ein ganzer Katalog von Auflagen.

Der Fall:

Die 42 Jahre alte Beschuldigte soll im April versucht haben, in der Psychiatrie Hellersen eine Mitpatientin mit einem Nylonstrumpf zu erdrosseln. Die seelisch kranke Frau gibt an, sich an die Tat nicht erinnern zu können. Der Hagener Staatsanwalt hält die gelernte Anstreicherin aus Lüdenscheid für allgemeingefährlich.

Sowohl die Patientin und ihr Verteidiger Ralf Bleicher als auch Staatsanwalt Klaus Knierim akzeptieren das Urteil.

Zunächst, sagt Richterin Heike Hartmann-Garschagen, muss die Verurteilte bis zum 16. April stationär betreut werden. Das soll einerseits ihre psychische Situation weiter stabilisieren. Andererseits haben die Therapeuten Zeit gewonnen, um eine umfangreiche forensische Nachsorge zu organisieren. Die psychiatrische, psychologische und psychosoziale Betreuung wird ab dem Frühjahr ambulant erfolgen. Die 42-Jährige darf in ihrer Wohnung leben, muss regelmäßig ihre Depotspritzen bekommen und per Injektionspass nachweisen, dass sie die Medikation nicht vernachlässigt. Außerdem sollen alle drei Monate sogenannte Wirkspiegelkontrollen anhand ihres Blutbildes vorgenommen werden. Eine weitere Bewährungsauflage: Arbeit in einer Behindertenwerkstatt.

Nach dem Verfahren bleiben Fragen unbeantwortet. Vor allem die, ob die Psychotikerin tatsächlich die Absicht hatte, eine Mitpatientin umzubringen. Versäumnisse der Ärzte in der „Geschlossenen“ der Psychiatrie in Hellersen haben die Aufklärung erschwert. Strafanzeige haben sie erst zwei Tage nach der Attacke mit dem Nylonstrumpf erstattet. Das Opfer blieb ohne ärztliche Begutachtung der Folgen des Angriffs. Der Vorwurf des versuchten Totschlags ist laut Knierim nicht zu halten. Übrig bleibt der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung. So oder so war die 42-Jährige zur Tatzeit schuldunfähig.

Die Verurteilte sagt: „Ich bin nicht allein schuldig. Hätten die Ärzte mich richtig behandelt, wäre so was nicht passiert.“ Strafverteidiger Bleicher geht in seinem Plädoyer noch einen Schritt weiter und spricht von „Tohuwabohu“, von „erschütternden Verhältnissen“ und davon, dass es auf der Station „teilweise drunter und drüber gegangen“ sei. Auch Richterin Hartmann-Garschagen sagt, die Frau habe „unter den sehr schwierigen Verhältnissen in Hellersen gelitten.“

Sollte die kranke Frau nur gegen eine der Bewährungsauflagen verstoßen, kann sie umgehend und ohne gerichtlichen Beschluss auf unbestimmte Zeit in der forensischen Psychiatrie landen. - Von Olaf Moos

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Chronologie des Verfahrens:

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Hintergrund:

- Psychiatriepatientin vor Gericht: "Bin nicht bescheuert"

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