„Tag des Deutschen Widerstands“: Erinnerung an Lüdenscheider Opfer

Mut unter Lebensgefahr

BU Schützenstraße 2: Hier weigerte sich Karl Klauke, seinen achtzigjährigen, jüdischen Untervermieter Josef Stern zu kündigen BU Südstraße 31: Anna Wisberiet wandte sich gegen die Kriegspolitik der Nazis und wurde nach dem Heimtückegesetz verurteilt BU KlaukeKarl: Eine Aktennotiz im Stadtarchiv zeugt von der Zivilcourage Karl Klaukes Dateiname: sll180714KlaukeKarl01

Lüdenscheid - Am heutigen Sonntag jährt sich das bedeutendste Attentat auf Adolf Hitler zum 70. Mal: Der Stabschef des Allgemeinen Heeresamts Claus Schenk Graf von Stauffenberg war es, der am 20. Juli 1944 mit seinen Helfern in der sogenannten „Operation Walküre“ Hitler beseitigen wollte.

An diesem Tag lief allerdings fast nichts nach Plan. Hitler überlebte, Stauffenberg und seine Helfer wurden noch am selben Abend gefasst und wenige Stunden später erschossen. Doch das geschichtsträchtige Datum mahnt als „Tag des Deutschen Widerstands“ bis heute, sich mit dem Thema Gewalt und Widerstand auseinanderzusetzen. Nicht jeder muss ein Held sein, doch jeder kann seinen persönlichen Weg und eine eigene Position finden.

In Lüdenscheid gab es damals viele couragierte Bürger, die den Mut zum Widerstand aufbrachten, Menschlichkeit bewiesen und bereit waren, für ihre Überzeugung einen hohen Preis zu bezahlen.

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, feierte das ganze Land. Die Lüdenscheider KPD jedoch beging diesen Tag mit einer Protestveranstaltung. Sie nannte Hitler einen „Bluthund“. Die Lüdenscheider Polizei respektierte die Zusammenkunft, was den damaligen Polizeichef Rüdiger seinen Posten kostete.

Unter dem neuen Polizeihauptmann Ranocha begann die brutale Verfolgung von Juden, politisch Andersdenkenden und couragierten Bürgern. 28 regierungskonforme „Hilfspolizisten“ unterstützten die 31 Mann starke örtliche Polizei dabei.

Viele Lüdenscheider brachten dennoch den Mut auf, der Ideologie der Nazis die Stirn zu bieten. Sie kauften trotz des Verbots in jüdischen Geschäften ein und riskierten es, als Volksverräter angezeigt zu werden. Andere unterstützten heimlich Familien, deren Ernährer aus politischen oder rassischen Gründen im Gefängnis saßen und teilten in dieser notvollen Zeit das Wenige, das sie selbst besaßen.

Widerstand hatte viele Gesichter

Wieder andere missachteten das Verbot, ausgehungerte und unterernährte Fremdarbeiter mit Lebensmitteln zu versorgen und nahmen Strafen in Kauf. Die Schulleiter der katholischen und evangelischen Hilfsschulen weigerten sich, Zwangssterilisationen von Menschen mit Behinderung zu unterstützen und verloren ihre Posten. Kommunisten, Gewerkschafter und Sozialdemokraten versteckten einander und riskierten, in Konzentrationslager deportiert zu werden. Örtliche Zeugen Jehovas, die weder den Eid auf Hitler noch Kriegsdienst leisteten, wurden in KZs zu Tode gequält. Lüdenscheider Soldaten, die nicht weiter töten wollten, wurden als Fahnenflüchtige in der Buckesfelder Kaserne standrechtlich erschossen. Ihre Leichname wurden in die Stadt zum Adolf-Hitler-Platz geschleppt und dort zur Abschreckung zur Schau gestellt.

Der Pfarrer der katholischen Kirche Brügge beerdigte eine Ostarbeiterin würdevoll, der evangelische Pfarrer der Erlöserkirche predigte in Bielefeld gegen Euthanasie. Beide kamen dafür ins KZ Dachau. Es gab 1500 Festnahmen in Lüdenscheid. Manche Menschen wurden mehrfach inhaftiert, so dass die Zahl der Lüdenscheider Gefangenen insgesamt auf 700 bis 800 geschätzt wird.

Mit dem Lüdenscheider Widerstand lassen sich aber auch konkrete Namen verbinden: Karl Klauke weigerte sich, seinem 80-jährigen jüdischen Untermieter Josef Stern an der Schützenstraße 2 zu kündigen. Klauke, selbst 70-jährig, wurde deshalb als Judenfreund zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und litt in Polizei- und Gerichtsgefängnissen sowie im Zuchthaus. Stern starb infolge der Aufregungen drei Tage nach der Inhaftierung Klaukes am Herzversagen.

Hugo Wisbereit aus der Südstraße 31 wurde im Ersten Weltkrieg durch einen Kopfschuss schwer verwundet und starb nach mehr als zehnjährigem Siechtum. Seine Frau Anna stellte sich daraufhin dem Kriegsgedanken der Nazis entschieden entgegen und wurde 1944 nach dem Heimtückegesetz verurteilt.

Walter Süskind als Täter und Opfer

Der in Lüdenscheid geborene und nach Amsterdam geflüchtete Walter Süskind war Täter, Opfer und Retter zugleich: Er beugte sich dem Zwang und schickte viele zehntausende Erwachsene in den Tod, rettete mit Unterstützung von Niederländern etwa 1000 jüdischen Kindern das Leben und wurde daraufhin selbst mit Frau und Tochter in Auschwitz ermordet.

Der am Bräuckenkreuz ansässige Friseur Hermann Massalsky nahm kein Blatt vor den Mund und wurde nur vier Stunden vor der Befreiung Lüdenscheids durch die Amerikaner am Waldrand in Wefelshohl erschossen.

Der „Tag des Deutschen Widerstands“ will bewusst machen, dass es jederzeit, damals wie heute, Handlungsalternativen gibt zu Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Terror. Ein gefestigtes Geschichtsbewusstsein soll uns heute helfen, persönliche Standpunkte zu finden. - Yasmin Alijah

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