Ungebrochenes Selbstbewusstsein

LÜDENSCHEID ▪ Mangelndes Selbstbewusstsein ist nicht gerade seine Sache. Sogar die Bitte um Entschuldigung äußert er aufrecht und mit fester Stimme. Im selben Tonfall hat er am 25. Oktober einen Polizisten in einem kleinen Ordnungswidrigkeiten-Prozess am Amtsgericht beleidigt.

Laut Staatsanwalt hat der 61-Jährige einen Polizisten, der als Zeuge aussagen sollte, während der Beweisaufnahme „mehrfach als Arschloch bezeichnet“ – und den Tatbestand der Beleidigung erfüllt. Strafrichter Thomas Kabus spricht von „verletzten Regeln“.

Schon die Formalien zum Prozessauftakt lassen die Juristen aufhorchen. Zwischen Richter und Angeklagtem entsteht ein denkwürdiger Dialog. „Ihr Beruf?“ – „Verleger, Journalist, Fotograf und Kunstmaler.“ – „Wie hoch ist Ihr Einkommen?“ – „Null!“ – „Werden Sie von der Arge unterstützt?“ – „Von wem, bitte?“ – „Von der Arge!“ – „Ich weiß nicht, wer das ist.“

Dafür weiß der Angeklagte andere Sachen. Zum Beispiel: „Ich bin der Meinung, einen Lügner kann man vor Gericht ungestraft Arschloch nennen.“ Wenn er auch einräumt, in besagter Beweisaufnahme „auf 180“ gewesen zu sein.

Es folgt eine kleine Exkursion: über die amerikanische Filmindustrie, über unsichtbare Polizeikontrollen, über Hollywood, Ferraris, Niki Lauda, Wiking-Modellautos, über sein Drehbuch, vor zwölf Jahren verfasst. „Das Geld dafür kommt jetzt ’rein.“ Auch als die Prozessbeteiligten staunend dreinschauen, bleibt das Selbstbewusstsein des Angeklagten stabil. „Ich kann nicht erwarten, dass Sie mir geistig folgen können.“

Der Staatsanwalt fängt sich wieder und hält sein Plädoyer. 200 Euro Geldstrafe, so lautet sein Antrag. Und der Angeklagte, der ohne Verteidiger gekommen ist, hat wie gewohnt das letzte Wort vor der Urteilsverkündung. „Ich fühle mich fair behandelt“, sagt er. Und, zu dem Polizisten gewandt: „Es tut mir leid, entschuldigen Sie bitte.“ Auf Rechtsmittel gegen das Urteil, tatsächlich 200 Euro, verzichtet er. „Die Sache ist erledigt.“ Zum Abschied gibt’s für Richter und Staatsanwalt einen freundlichen Händedruck.

Olaf Moos

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