Urteil am Amtsgericht

Unfall mit fast 100 km/h innerorts im MK - mit dem Benz vom Chef

Autowrack nach Verkehrsunfall
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Ob illegales Autorennen oder nicht: Der Mercedes-Fahrer muss 4800 Euro Geldstrafe bezahlen.

Der Raserunfall auf der Worthkreuzung am 11. Januar vergangenen Jahres ist nun strafrechtlich aufgearbeitet. Ein Mercedes-Fahrer muss eine hohe Geldstrafe bezahlen.

Lüdenscheid - Ein Angeklagter, der den Tatvorwurf bestreitet. Ein Polizeiprotokoll, das Fragen offen lässt. Zwei Augenzeugen mit Erinnerungslücken, die sich in entscheidenden Fragen widersprechen. Die Aufklärung des Raserunfalls, bei dem ein heute 30 Jahre alter Dortmunder am späten Abend des 11. Januar 2020 auf der Worthkreuzung mit seinem Mercedes einen Ampelmasten umsäbelte, ist ein hartes Stück Arbeit für Strafrichter Andreas Lyra.

Die Frage, ob der Mann aus Dortmund sich auf der Lennestraße ein Autorennen mit einem unbekannten BMW-Piloten geliefert hat, bleibt unbeantwortet. Der 30-Jährige behauptet, der BMW-Fahrer habe wenige Meter vor der Kreuzung plötzlich die Spur gewechselt und sich vor seinen Mercedes geklemmt. „Da ging der Notbremsassistent an. Dann kann man gar nichts mehr machen, auch nicht lenken.“ Er sei „vielleicht 60 oder 70 km/h“ schnell gewesen.

Der teure Firmenwagen mit 195 PS schlingert, touchiert einen Bordstein, hebt ab, segelt über den Grünstreifen und landet vor dem Masten. Ein Polizist sagt im Zeugenstand: „Das war ein ganz ordentlicher Unfall. Ich war erstaunt, dass der Fahrer nicht verletzt ist.“ Der angebliche Verkehrsrowdy in dem 3er-BMW verschwindet.

Die Erklärungsversuche des Angeklagten – der Staatsanwalt deklariert sie als Schutzbehauptungen – scheinen zunächst zu fruchten. Ein Zeuge meint, er könne sich daran erinnern, wie der BMW mit quietschenden Reifen und aufjaulendem Motor in Richtung Kreuzung düste. „Er ist um die Kurve gedriftet und konnte den Wagen gerade so abfangen.“ Der Mercedes habe „die Kurve leider nicht mehr gekriegt“.

Bei der Polizei hatte er jedoch erklärt, zuerst sei der Mercedes, dann erst der BMW heran gerast, „in 20 bis 30 Metern Entfernung“. Eine Frau, die den Crash ebenfalls zufällig beobachtet hat, gibt nach einer halben Stunde voller Widersprüche im Zeugenstand auf. „Ich bin nicht mehr fit. Meine Aussagen passen nicht zusammen.“ Sie wisse es einfach nicht mehr genau.

Den entscheidenden Beitrag zur Wahrheitsfindung liefert der Neuenrader Kfz-Sachverständige Lutz Bölter. Er hat ein Rekonstruktionsgutachten erarbeitet, das Aufschluss über den objektiven Ablauf der Kollision gibt. Demnach war die Blockierspur auf dem Asphalt 39,7 Meter lang. Ab Bordstein bis zum Ampelmasten legte der schleudernde und fliegende Mercedes 23,2 Meter zurück.

Dies und die Unfallspuren am Wagen lassen für den Experten nur einen Schluss zu: „Die Geschwindigkeit betrug 95 bis 100 Stundenkilometer.“ Dass der 30-Jährige nicht mehr habe lenken können, sei nicht nachvollziehbar. „Ein Antiblockiersystem ist dazu da, das Fahrzeug lenkfähig zu halten.“

Damit bricht die Strategie des Dortmunder Verteidigers Andreas Schulte, der Freispruch beantragt hatte, zusammen. Ob Rennen oder nicht – Strafrichter Lyra sagt zum Angeklagten: „Sie sind einfach viel zu schnell gefahren.“ Er verurteilt den Angeklagten wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung zu einer Geldstrafe von 4800 Euro.

Überdies hatte der Dortmunder wegen des Unfalls seinen Job verloren und 13 Monate lang keinen Führerschein. Ob er den Mercedes seines Ex-Chefs bezahlen muss, ist noch offen.

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