Opfer findet sich entstellt - Täter bekommt Bewährung

LÜDENSCHEID ▪ Es müssen zwei wirklich mächtige Schläge gewesen sein. Oberkiefer, Jochbein und Augenknochen des 30-Jährigen Maschinenbedieners brachen in Stücke, ein Knochensplitter verfehlte ein Auge nur um zwei Millimeter.

Die Chirurgen mussten „den gesamten Gesichtsschädel aufwändig rekonstruieren“, steht im ärztlichen Bericht des Klinikums Hellersen. Das Ergebnis eines Disco-Besuchs. Der Täter: ein gelernter Straßenbauer (39), ziemlich kleinlaut, nicht vorbestraft, aber eine „echte Kante“, wie man so sagt. Er muss sich wegen schwerer Körperverletzung verantworten.

„Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe“, sagt er. Eine Beziehung sei kurz zuvor nach 15 Jahren beendet gewesen, ein Umzug stand an, „ich habe renoviert und dabei was getrunken“. Und abends im Club noch mehr. Es klingt nach aufgestautem Frust, nach einem „Aussetzer“, wie er sagt. Aber nicht nach konkreten Erinnerungen.

Die hat dafür das Opfer. „Ich war mit Kollegen da. Wir haben gerade schön gefeiert, woll?!“, berichtet er. Er habe getanzt, dann sei erst ein bisschen Disco-Nebel gekommen und dann der erste Schlag. „Und der zweite sofort hinterher.“ 39 Tage habe er insgesamt im Krankenhaus gelegen. „Und jetzt gaffen mich die Leute an.“ Denn die Narben haben ihn entstellt. „Ich bin eigentlich ein gut aussehender Mann.“ Jetzt habe er keine Freundin mehr.

Da steht der Angeklagte auf, greift in seine Hosentasche, holt drei 100-Euro-Scheine hervor, Anzahlung aufs Schmerzensgeld, geht zu seinem Opfer, reicht ihm die Hand und das Geld und bittet um Entschuldigung. Der 30-Jährige akzeptiert und zeigt sich gnädig. „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Der Verteidiger des kräftigen Straßenbauers, Rechtsanwalt Christoph Miczek, bezweifelt in seinem Plädoyer, dass der 30-Jährige wirklich dauerhaft entstellt sein wird. „Aus Studentenverbindungen weiß ich, was plastische Chirurgie heutzutage leistet.“ Er meint die Beseitigung von Schmissen nach Säbelhieben.

Das Gericht sieht das auch so. Und erkennt auf einfache Körperverletzung. Ein Jahr mit Bewährung gibt es. Der Verurteilte muss 1200 Euro „Teil-Schmerzensgeld“ ans Opfer überweisen. Zivilrechtlich aber geht’s weiter. - Olaf Moos

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