Transgender im Märkischen Kreis

Und abends zog er die Kleider seiner Frau an

Märkischer Kreis - Dirk ist Jessika. Das ewige Versteckspiel hat endlich ein Ende. Mutig spricht sie über ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte über Transgender, deren körperliches Gefühl nicht mit ihrem gefühlten übereinstimmt - über Mobbing, innere Zerissenheit und das Outing.

Ein kluger Mensch bemerkt alles, ein dummer macht über alles Bemerkungen. Oder guckt und guckt und guckt. Jessika ist tatsächlich sehenswert. 2,04 Meter groß, schulterlange braune Haare, Minikleid. Und: Sie ist Transgender – also eine Person, deren gefühltes Geschlecht nicht mit dem biologischen übereinstimmt.

Jessika ist Dirk. Besser: Dirk ist Jessika. Und das ewige Versteckspiel hat jetzt im Privatleben ein glückliches Ende gefunden. Dirk gibt es nur noch im Beruf. „’Ich wäre lieber eine Frau’, ist die falsche Formulierung. Ich bin es generell. Es war mir nur lange Zeit nicht bewusst“, erzählt Jessika.

"Man weißt sehr früh, dass man anders ist"

„Man weiß sehr früh, dass man anders ist, kann es aber nicht ausdrücken. Ich habe immer gern mit Mädchen gespielt, Vater, Mutter und Kind. Ich war die Mutter. Mit fünf Jahren habe ich mir schon eine Puppe gewünscht. Fußball war und ist Blödsinn. Später in der Pubertät habe ich die Sachen von meiner Mutter anprobiert. Sie standen mir viel besser als die Sachen, die ich sonst anhatte. Das war so mit 15. Es war ein schönes Gefühl, irgendwie stimmig.“

Mobbingopfer auf dem Gymnasium

Und doch zogen für sie die Jahre als Dirk ins Land. Als Dirk, der auf einem Lüdenscheider Gymnasium zum Mobbingopfer wurde, der sich nicht wehrte, wenn ihm Mitschüler derbe Streiche spielten, ihm bei minus zehn Grad mit Wasser gefüllte Badekappen über den Kopf stülpten oder sein Moped auf die Toilette schleppten und das Hinterrad in die Kloschüssel steckten. „Als Junge wehrt man sich, haut mal zu und dann ist Ruhe. Aber ich konnte das nicht“, erinnert sich Jessika. Ihr Dirk ging allen Prügeleien aus dem Weg. War so weich, dass die Mitschüler spürten, dass man in ihm ein wunderbares Opfer gefunden hatte. „Kinder sind sehr feinfühlig. Sie merken schnell, wenn etwas anders ist.“

Klassentreffen als letzte Hürde

Heute, 35 Jahre nach dem Abitur, haben sich die Kollegen von damals entschuldigt – bei einem Klassentreffen. Dirk traute sich jetzt, genau dort als Jessika aufzutreten. „Das war erst einmal ein komisches, mulmiges Gefühl. Aber ich dachte mir: Augen zu und durch. Und ich war extrem positiv überrascht, auch, weil man mich sofort erkannt hat. Und weil sich zwei Leute für die Sachen von früher entschuldigt haben. Das Klassentreffen war die letzte Hürde, die ich im privaten Bereich nehmen wollte.“

Unterstützung in allen Lagen von der Ehefrau

Unterstützung in der „Höhle des Löwen“ hatte Jessika von ihrer Frau, die sie in allen Lebenslagen trägt. Seit 27 Jahren sind die beiden verheiratet.  „Meine Frau wusste es irgendwie von vornherein, obwohl am Anfang nur klar war, dass ich eine Vorliebe für Damenkleidung habe“, versucht Jessika die Beziehung zu erklären, die ihr heute den Halt gibt, der nicht selbstverständlich ist.  „Meine Frau stand zum damaligen Zeitpunkt auf lange Röcke. Und ich sagte: ‘Kauf dir doch mal einen Mini.’ Sie erwiderte: ‘Den kannst du selber tragen.’“ Gesagt, getan.

Die heutige Jessika, der damalige Dirk, trug den Rock zu Hause und seine/ihre Frau hatte keine Probleme damit. „Sie hat es nicht besonders gefördert, aber es hat sie auch nicht gestört, wenn ich abends ihre Kleider angezogen habe.“ Im stillen Kämmerlein, hinter verschlossenen Türen konnte Dirk eine Frau sein. Und glücklich.

Ewiges Versteckspiel und innere Zerissenheit

Für seinen Beruf war der damalige Dirk immer wieder im Außendienst tätig. Und nutzte die Zeit. „Wenn ich abends im Dunkeln in München losfuhr, habe ich mich auf einem Parkplatz umgezogen. Und dann als Frau die Zeit genossen. Kurz vor zu Hause habe ich dann wieder einen Parkplatz angesteuert und die Klamotten gewechselt. Damit die Nachbarn nichts merken.“ Ein ewiges Versteckspiel, eine innerliche Zerrissenheit. Amüsant war das nicht.

Hier finden Sie "Chrissies Webseite", die Webseite von Jessika-Christine.

Dass es heute Jessika gibt, die mutig und stolz durch die Welt geht, hat mit tragischen Ereignissen zu tun. Denn zwischen 2004 und 2008 verstarben drei Freunde. Plötzlich und unerwartet. „Da macht man sich dann Gedanken, wie schnell das Leben vorbei sein kann und warum man sich immer für alle anderen verbiegen soll. Dann sind meine Frau und ich auf den Gendertreff Düsseldorf gestoßen.“

Spontane Namenswahl / Ergänzungsausweis

Caitlyn Jenner sorgte in diesen Tagen für großes Aufsehen. Die US-Amerikanerin war als Bruce William Jenner Autor, Schauspieler, Filmproduzent und Leichtathlet. Als Zehnkämpfer gewann er 1976 Gold bei den Olympischen Spielen in Montreal 

Das erste Mal war Jessika als Dirk dort. „Obwohl das Treffen in einem normalen Café stattfand, gab es keinerlei Probleme mit anderen Gästen oder der Bedienung. Beim zweiten Mal traute ich mich dann, als Jessika zu kommen.“ Den Namen wählte sie spontan, als sie sich im Forum beim Gendertreff anmeldete und einen weiblichen Namen brauchte. „Alles mit D fand ich generell blöd. Und von meiner Mutter habe ich ein sehr schönes Armband mit ihren Initialen geerbt. Sie hieß Ingeborg, und das I war so geschwungen, dass man ein J lesen konnte. So war Jessika-Christine geboren.“ Rein rechtlich gesehen ist Jessika allerdings noch Dirk. Noch. Denn langfristig gesehen möchte Jessika als Dirk den beruflichen Weg in der IT-Branche verlassen und den Weg frei machen für Jessika in allen Lebensbereichen. Im Moment besitzt sie „nur“ einen sogenannten Ergänzungsausweis.

Im Alltag eines Transgender – zum Beispiel, wenn man mit Karte bezahlt oder bei einer Verkehrskontrolle – kann es zu Verunsicherungen oder Missverständnissen kommen, wenn das Äußere so gar nicht mit dem Foto im Personalausweis übereinstimmt. Jessika musste ihren Ergänzungsausweis allerdings noch niemals vorzeigen. „Was ich schade finde. Es ist schon erschreckend, wie wenig die Leute auf die EC-Karte gucken.“

1,5 Milligramm Östrogene täglich

1,5 Milligramm Östrogene nimmt Jessika täglich, um auch körperlich mehr und mehr eine Frau zu werden. Mit der niedrigen Dosis möchte sie ihren Körper nicht zu sehr belasten. „Ich möchte aber gern mehr Oberweite, damit ich im Sommer auch etwas Ausgeschnittenes tragen kann“, sagt Jessika und weiß, dass sie sehr viel Geduld haben muss. Auf Plastikbrüste hat sie eigentlich so gar keine Lust. „Da schwitzt man so drunter“, lacht die 54-Jährige, die das Problem mit den Perücken bereits gelöst hat: Ihre Haare sind echt. Sie hat sie wachsen lassen.

Der  Australier Andrej Pejic (23) war eines der ersten international erfolgreichen Transgender-Models. Mittlerweile ist Andrej jetzt Andreja.

Mit der Stimme und dem Bartwuchs dagegen kämpft sie noch ein wenig. „Den Bart kriegen wir mit Hormonen nicht weg, den müssen wir weglasern lassen. Und auch die Stimme ändert sich nicht. Es gibt die Möglichkeit einer Kehlkopfoperation, aber das bringt in den meisten Fällen nichts.“  Da haben es die Frauen, die sich im Körper eines Mannes fühlen – so genannte F2M Frau zu Mann Transgender – etwas einfacher. Mit Hilfe von Testosteron stellt sich nach drei Monaten eine tiefere Stimme und eine Körperbehaarung ein.

Apropos Hormone: Dadurch, dass Jessica wenig nimmt, glaubt sie selbst fest daran, dass sie sexuell gesehen keine Umwandlung erleben wird. „Ich bin lesbisch und das wird sich auch nicht ändern.“ Bei einer Therapie mit hohen Dosen Östrogen können allerdings Wechsel auftreten.

„Seitdem die Hormone greifen, gucke ich mehr und mehr den Männern hinterher“

Wie bei Helen. Die Freundin von Jessika nimmt wesentlich mehr und sagt: „Vor der Hormontherapie war ich eindeutig lesbisch. Seitdem die Hormone greifen, gucke ich mehr und mehr den Männern hinterher. Momentan bin ich bi – mal sehen, wohin das führt.“

Selbsthilfetreff in Iserlohn

Das Selbsthilfetreffen für Transgender und Angehörige in der Region MK findet jeden letzten Sonntag im Monat und jeden zweiten Freitag im Monat in Iserlohn statt. Weitere Infos gibt es im Netz unter www.gendertreff.de und  www.gendertreff-forum.de sowie telefonisch unter 0 23 71/9 20 74 36 und 01 57/79 58 04 31.

Helens Geschichte ist so wenig mit Jessikas zu vergleichen, wie kein Transgender wie der andere ist, wie kein Mensch wie der andere ist. Helen wurde als Hendrik geboren. „Bis vor drei Jahren war es ein Leidensweg, auch, weil ich 30 Jahre lang getrunken habe. Ich habe immer versucht, normal zu leben, aber von Innen wurde der Druck immer größer“, erzählt die 55-jährige gebürtige Mendenerin. Helen war verheiratet, aber ihre Frau wusste nichts vom stillen Kampf des geliebten Mannes, eigentlich eine Frau zu sein. „Als wir uns kennenlernten, war ich zwar noch nicht alkoholabhängig, aber auf dem Weg dahin. Sie hat immer zu mir gestanden. Irgendwann ist sie auf der Suche nach meinem Flaschenversteck auf den Fundus weiblicher Kleidung gestoßen. Dann ist die Bombe geplatzt. Sie war natürlich geschockt, hat uns aber nicht sofort aufgegeben.

Im Laufe der Zeit ist aus unserer Ehe eine Wohngemeinschaft geworden. Ich war auch sehr schnell nicht mehr fähig, den männlichen Part in der Beziehung zu geben, was dazu geführt hat, dass meine Frau gesagt hat: ‘Ich habe einen Mann geheiratet und keine Frau.‘ Ich wollte sie aber unbedingt behalten. Doch dann hat sie jemanden kennengelernt und für mich war es ein Grund, wieder rückfällig zu werden.“ Der Alkohol bestimmte sodann wieder das Leben von Helen, damals noch Hendrik.

Zum Wikipedia-Artikel "Transgender"

Von 2009 bis 2012 „hat sie schön gezaubert“, wie sie sagt, doch dann hatte sie mit dem Auto einen kleinen Unfall. „Ich habe die Einfahrt zu Hause nicht richtig eingeschätzt. Das war so ein einschneidendes Erlebnis, dass ich den Kontakt zur Suchthilfe wieder aufgenommen habe.“ Eine Therapieklinik, in der auch andere Transsexuelle waren, hat ihr – wie sie sagt – ein neues Leben geschenkt. Weg vom Alkohol und hin zur Frau: Zwei Dinge, die die glückliche Lebenswende einläuteten. Eine Krönung ihres Weges soll die Operation im Dezember sein. „Das ist für mich absolut wichtig, denn dann geht es erst richtig los“, sagt Helen.

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