Keine Arme - keine Schokolade

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„Ziemlich beste Freunde“ wurden Timothy Peach und Felix Frenken im Kulturhaus.

Lüdenscheid - Das Stück steht und fällt mit Felix Frenken. Er verkörpert Driss, kleinkriminell, arbeitsscheu und irgendwie am Rand der Gesellschaft. Mit endlosen Wortkanonaden und ständig tänzelnden Bewegungen braucht er nur wenige Minuten, um sich in die Herzen der Zuschauer im blendend gefüllten Kulturhaussaal zu spielen.

Von Jutta Rudewig

Frenken, Timothy Peach als Philippe, Sara Spennemann als Magalie und Michael Haebler vom Tournee-Theater Thespiskarren brachten Donnerstagabend die Bühnenadaption Gunnar Dreßlers von „Ziemlich beste Freunde“ mit nach Lüdenscheid.

Einen Film, der so unerwartet zum erfolgreichsten französischen Film des Jahres 2011 wurde, auf die Theaterbühne zu bringen, ist ohne Zweifel ein Wagnis. Das Hannoveraner Ensemble hat die Herausforderung angenommen und eine Komödie inszeniert, die ebenso aberwitzig wie anrührend beim Zuschauer ankommt.

Die Geschichte selbst ist hinlänglich bekannt: Philippe ist vom Hals an gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt, Driss will eigentlich nur die Unterschrift auf dem Papier, das ihm seine Arbeitslosenunterstützung sichert, und sieht sich plötzlich in der Rolle des Intensivpflegers, der zum Auftakt Kompressionsstrümpfe anlegen muss.

Ein Dialog der bissigen Bemerkungen beginnt zwischen dem ungleichen Paar, der eine ständig in Bewegung, der andere faszinierend bewegungsarm. Was im Grunde klassische Diskriminierung Behinderter ist („Keine Arme – keine Schokolade“) kommt auf der Bühne mit amüsanter Leichtigkeit daher.

Sie schenken sich nichts, jeder mobbt auf seine Art. Großartig stellt Frenken den Ex-Knacki dar, der nur mal kurz dem armen Querschnittsgelähmten seine Arme und Beine leihen möchte.

Und mindestens ebenso bewundernswert Timothy Peach, der über zwei Theaterstunden nichts als den Kopf bewegt, wie eine Puppe im Arm des anderen hängt und seinen Part im Elektro-Rollstuhl meistert.

Das Angraben der Galeristin, der gemeinsame Joint (natürlich ein „Schwarzer Afghane“) morgens um vier, weil die Phantomschmerzen den Gequälten nicht schlafen lassen, Rimski-Korsakows „Hummelflug“, den Driss aus „Tom und Jerry“ kennt und im Zentrum der Bühne die blau beleuchtete Vitrine, in der der reiche arme Mann seine Fabergé-Eier aufbewahrt – viele Kleinigkeiten machen „Ziemlich beste Freunde“ zu einer großen Komödie, die allerdings auch leise Töne bietet. Momente, in denen man hätte Stecknadeln fallen hören im großen Saal des Kulturhauses.

Für den jungen Frenken war’s übrigens das Tournee-Debut bei Thespiskarren – Chapeau!

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