Verfahren offenbar auch gegen freien Träger

Totes Pflegekind (3): Zuständiges Jugendamt schweigt zu wichtigen Fragen

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Nach der Wiederbelebung wurde der Dreijährige ins Klinikum Lüdenscheid gebracht, wo er starb.

Lüdenscheid – Nach dem tragischen Tod eines dreijährigen Pflegekindes, das am 5. April in einen Gartenteich fiel und später im Krankenhaus starb, hat sich am Freitag das zuständige Jugendamt Dortmund geäußert.

Dort gibt man sich wortkarg. Allerdings bestätigte die Behörde indirekt, dass der freie Träger der Jugendhilfe in ein laufendes Verfahren im Zusammenhang mit dem Tod des Pflegekindes involviert ist. Auf Nachfrage sagte ein Sprecher, dass es sich um ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren handelt. Die Staatsanwaltschaft Hagen war dazu am Freitag allerdings nicht mehr zu erreichen.

Mit dem Verweis auf das laufende Verfahren verweigert die Stadt Dortmund auf Anfrage unserer Zeitung die Nennung des freien Trägers der Jugendhilfe, der die beiden Brüder aus Dortmund in die Lüdenscheider Pflegefamilie vermittelt hatte.

Gleichzeitig spielt das Jugendamt Dortmund seine eigene Rolle herunter und betont, dass „das Jugendamt die Pflegemutter nicht ausgesucht, sondern einen freien Träger beauftragt (hat), der diese Pflegemutter nach eigener Überprüfung ausgewählt und vorgeschlagen hat.“ 

Was das Jugendamt Dortmund in seiner Stellungnahme verschweigt: Das Jugendamt muss die Pflegemutter formal prüfen. Nur bei einer Zustimmung des Jugendamts kann das Pflegeverhältnis beginnen. 

Nach Informationen unserer Zeitung war die Pflegemutter schon zu diesem Zeitpunkt alleinerziehend. Die beiden Brüder aus Dortmund waren die ersten Pflegekinder, die ihr zugewiesen wurden. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wann die Pflegekinder aus Dortmund nach Lüdenscheid kamen. Denn nach exakt zwei Jahren geht die Zuständigkeit vom externen auf das örtliche Jugendamt über – in diesem Fall auf das Jugendamt Lüdenscheid.

Der expliziten Nachfrage unserer Zeitung nach dem Datum vom Beginn des Pflegeverhältnisses wich das Jugendamt Dortmund am Freitag aus. „Das Pflegekind war seit circa zwei Jahren in der Pflegefamilie untergebracht.“ Gut möglich, dass die Zuständigkeit schon auf das Jugendamt Lüdenscheid hätte übergehen müssen. 

An welchen Daten Mitarbeiter des Jugendamts Dortmund seitdem die Pflegekinder vor Ort aufsuchten, beantwortet die Stadt Dortmund mit Verweis auf den „Sozialdatenschutz“ nicht. Allgemein heißt es nur: „Termine wurden im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben wahrgenommen.“

Verbindlich vorgegeben ist im Gesetz nach Informationen unserer Zeitung allerdings lediglich ein Termin pro Jahr, bei dem Jugendamt, Pflegeeltern und leibliche Eltern zusammenkommen, um den Hilfeplan fortzuschreiben. Dieser findet nicht immer bei der Pflegefamilie statt. 

Es ist also nicht auszuschließen, dass sich Mitarbeiter des Jugendamts Dortmund nach dem Beginn des Pflegeverhältnisses nicht ein einziges Mal vor Ort in Lüdenscheid ein Bild von den Kindern und der Pflegemutter machten. 

Wie berichtet, erhielt das Jugendamt Lüdenscheid im Sommer 2019 zwei Hinweise auf Kindeswohlgefährdung der Brüder. Bei einem Besuch vor Ort stellten die Mitarbeiter allerdings keine Verstöße fest. Darüber wurde das Jugendamt Dortmund informiert. Dort habe man „eigene Ermittlungen“ angestellt, hieß es am Freitag. Das wenig überraschende Ergebnis: „Durch das Jugendamt Dortmund konnte zum damaligen Zeitpunkt auch keine Gefährdung festgestellt werden.“ 

Nach dem Tod des Pflegekindes und der Inobhutnahme des Bruders ist der Fall aus Sicht der Stadt Dortmund für das eigene Jugendamt erledigt: „Der freie Träger ist für die Betreuung der Pflegemutter zuständig und muss alles Weitere veranlassen.“

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