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Tod auf der A45-Umleitung: Nachbarn warnten schon vor Monaten

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Von: Jan Schmitz

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„Ein Mensch hat sein Leben verloren – und wir wissen, es wäre vermeidbar gewesen.“ Martin Krings und seine Nachbarn von der Straße Im Grund sind nach dem tödlichen Unfall vor ihrer Haustür fassungslos und wütend.

Lüdenscheid –Die Anlieger hatten die Stadt Lüdenscheid und Straßen.NRW in einer Mail vom 28. Dezember 2021 – mehrere Wochen nach der A45-Sperrung – auf Gefahrenstellen auf der Umleitungsstrecke hingewiesen und Verbesserungsvorschläge gemacht. Es liest sich wie eine Prophezeiung dessen, was sich am Samstag tatsächlich mit tragischem Ende ereignet hat.

In dem Schreiben vom Dezember, das der Redaktion vorliegt, werden die Probleme Im Grund klar benannt. „Die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit ist talwärts im Einmündungsbereich Siedlungsweg/Am Ostenhagen zu hoch. Es kommt schon jetzt zu brenzligen Situationen. Nässe, Schnee und Eis erhöhen zusätzlich die Unfallgefahr.“ Und weiter: „Die S-Kurven im oberen Teil werden oft geschnitten. Die Fahrbahnbreite für den direkten Lkw-Begegnungsverkehr in den Kurven ist nicht ausreichend. Die Spurbreiten sind ähnlich wie in Autobahn-Baustellen.“ Auch der fehlende Hinweis auf die längere Gefällstrecke wurde von den Anliegern angemahnt – wegen der Rutschgefahr.

Wie berichtet, geriet der talwärts fahrende, unbeladene Sattelauflieger eines in Ungarn gemeldeten Lkw auf regennasser Fahrbahn aus bislang ungeklärter Ursache in den Gegenverkehr und erfasste dort einen entgegenkommenden 60-jährigen Biker aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde. Der Mann war sofort tot. Gegen den 41-jährige ausländischen Lkw-Fahrer – die Nationalität wollte die Staatsanwaltschaft Hagen nicht nennen – wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die Polizei versucht zudem herauszufinden, ob der Lkw-Fahrer zu schnell unterwegs war.

Der Unfall-Lkw ist in Ungarn zugelassen.
Der Unfall-Lkw ist in Ungarn zugelassen. © Bettina Görlitzer

Erst vor einigen Wochen war auf der Straße Im Grund die Geschwindigkeit von 70 auf 50 km/h reduziert worden. Das Tempolimit war einer der Verbesserungsvorschläge der Anlieger und der einzige, der im Unfallbereich umgesetzt wurde. Des Weiteren hatten die Anlieger vorgeschlagen, bergab vor der ersten Kurve ein Schild „Einmündung im Kurvenbereich“ sowie ein Hinweisschild auf die „Gefällstrecke“ anzubringen. Anlieger Krings: „Leider wurden die von uns gewünschten Schilder nicht aufgestellt. Wir stehen hier nun vor einem Ereignis, auf welches wir Anwohner hingewiesen haben. Wir haben es kommen sehen und sind deshalb erst recht wütend, weil wir es nicht verhindern konnten. Ich behaupte, wenn diese Warnhinweise ‘Gefällstrecke’ und ‘Einmündung im Kurvenbereich’ dort gestanden hätten, wäre der Unfall nicht geschehen.“

Polizeisprecher Christof Hüls sagte, dass „der unmittelbare Unfallbereich bislang nicht als Gefahrenstelle identifiziert worden“ sei. Bei der Betrachtung der Unfallstelle Im Grund zwischen den Einmündungen Kerkhagen und Am Ostenhagen konnte die Polizei nach eigenen Angaben seit Beginn der A45-Sperrung lediglich fünf Wildunfälle mit leichtem Sachschaden feststellen. „Schon bei der Betrachtung der Unfallhäufungsstelle Kerkhagen/Im Grund durch den Verkehrsdienst konnte Geschwindigkeit nicht als ursächlich ausgemacht werden“, sagt Hüls weiter und verweist auf Kontrollen in unregelmäßigen Abständen an der Einmündung.

Bei einer Verkehrsunfallauswertung für den Bereich der Umleitungsstrecke und der „Ausweichstrecken“ verzeichnet die Polizei einen Anstieg der Unfälle von 741 auf 1215 (plus 64 Prozent). Aufgrund der erhöhten Verkehrsdichte und der damit einhergehenden Reduzierung der Durchschnittsgeschwindigkeit nähmen gleichzeitig aber auch die Verkehrsunfälle mit Personenschaden prozentual ab (Reduzierung von 7,15 auf 6,58%), schreibt die Polizei.

Bürgermeister Sebastian Wagemeyer zeigte sich zutiefst betroffen über diesen Todesfall – „genauso wie über jeden Todesfall, der sich durch einen Unfall auf unseren Straßen ereignet. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen des Verunglückten“, sagt Wagemeyer, der auch Bürgerbeauftragter für den Ersatzneubau der A45-Talbrücke Rahmede ist. Auf die Frage, ob der Unfall vermeidbar gewesen wäre, sagt das Stadtoberhaupt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass es auf der Umleitungsstrecke zu einem Unfall kommt, ist grundsätzlich höher, da dort seit dem 2. Dezember sehr viel mehr Verkehr – vor allem Lkw-Verkehr – unterwegs ist. Ob dieser spezielle Unfall vermeidbar gewesen wäre, kann ich nicht beurteilen. Die Polizei wertet den Unfall noch aus.“

Mit Blick darauf, dass beide Unfallgegner dem Durchgangsverkehr zuzuordnen sind, verweist Sebastian Wagemeyer auf die Forderung der Stadt, „noch mehr Lkw großräumig umzuleiten, die ihr Ziel nicht in der Region haben – zum Beispiel durch einen so genannten ‘Brückenwächter’ auf der Autobahn. Dieser könnte die Zahl der Lkw, die durch Lüdenscheid fahren, deutlich reduzieren.“ Dazu sei man weiter im Gespräch mit dem Bund und der Autobahn GmbH. Zu weiteren Maßnahmen auf der Umleitungsstrecke stimme man sich zudem mit Straßen.NRW ab. Deren Sprecherin Julia Ollertz sagte, man könne sich derzeit noch nicht äußern, da Unfallursache und -hergang noch nicht bekannt sind. Man werde im Nachgang den Unfall im Nachgang in der Unfallkommission beraten.

Am Montag krachte es auf der Straße Im Grund in Höhe der Einmündung Ostenhagen. Laut Polizei soll es seit der A45-Sperrung zwischen den Einmündungen Kerkhagen und Ostenhagen nur fünf Wildunfälle gegeben haben.
Am Montag krachte es auf der Straße Im Grund in Höhe der Einmündung Ostenhagen. Laut Polizei soll es seit der A45-Sperrung zwischen den Einmündungen Kerkhagen und Ostenhagen nur fünf Wildunfälle gegeben haben. © Görlitzer, Bettina

Am Montag krachte es Im Grund erneut. Ein Auto fuhr in Höhe der Einmündung Ostenhagen gegen 16 Uhr auf einen Kleinlaster auf – nur etwa 50 Meter entfernt von der Stelle, an der der Motorradfahrer aus Schleswig-Holstein sein Leben ließ.

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