Timo Gerdes spricht über Mobbing und Erfolgsrezepte

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Timo Gerdes zählt zu Deutschlands Top-Nachwuchsvoltigierern. ▪

Märkischer Kreis ▪ Eng anliegender Turnanzug, jede Menge Glitzer, elegante Bewegungen und ein galoppierendes Pferd: Klingt wie ein Mädchentraum, ist jedoch die Welt von Timo Gerdes. Der 17-jährige Altenaer gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Nachwuchsvoltigieren. Mit Lydia Machelett sprach er über Jungen in „Mädchensportarten“, Mobbing und seine Liebe zum Sport.

Du warst am Wochenende auf den Deutschen Meisterschaften in Verden, das ist ein toller Erfolg, aber sicherlich auch mit viel Aufwand verbunden. Wie viel trainierst du?

Gerdes: „Ich trainiere täglich, vor den Meisterschaften mehrere Stunden zusätzlich. Neben dem Einzel starte ich ja auch noch in der Gruppe und im Doppel.“

Das hießt, Voltigieren bestimmt deinen Alltag?

Gerdes: „Ja, in gewisser Weise stimmt das natürlich. Aber es ist mein Hobby, ich habe im Verein meine Freunde und dann fällt das schon gar nicht mehr so auf, aber es gibt natürlich auch noch ein Leben außerhalb der Reithalle – das ist mir auch wichtig.“

Mit Voltigieren kann man nicht reich werden, woher holst du täglich deinen Antrieb?

Gerdes: „Ich liebe meinen Sport. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Leistungssportler gibt, der täglich alles aus sich heraus holt, nur um Geld zu verdienen.“

Voltigieren gilt häufig eher als Mädchensportart, gerade weil das Pferd im Mittelpunkt steht. Warum voltigierst du?

Gerdes: „Ich liebe das Künstlerische, das liegt mir einfach. Es ist die Kombination aus allem. Tanz, Turnen und Kraft. Zudem muss man mit dem Pferd kommunizieren. Und man muss als Team funktionieren. Beim Geräteturnen gäbe es nur mich. Und so ist es ein Teamsport. Die Gruppe, der Longenführer, das Pferd und ich.“

Kinder und Jugendliche können bekanntlich gemein sein. Blöde Sprüche sind häufig an der Tagesordnung, wie gehst du damit um?

Gerdes: „Mittlerweile bin ich aus dem Alter raus – in der Pubertät gab es hin und wieder Probleme. Die meisten Jungen spielen Handball oder Fußball, da ist man schon eher der Exot. Natürlich habe ich öfters gemerkt, dass sie mich und meinen Sport komisch fanden – aber da stand ich drüber. Im Sportunterricht kam dann immer versteckt auch ein wenig der Neid durch. Wenn Turnen auf dem Programm stand und ich mühelos Grätschsprünge auf dem Trampolin konnte oder Handstände. Manchmal glaube ich, es ist generell Neid, wenn doofe Sprüche kommen. Ich habe eben eine Leidenschaft gefunden und bin ganz ich selbst – egal was andere sagen oder denken. Gruppenzwänge haben mich noch nie beeindruckt – in sofern bin ich vielleicht auch ein wenig freier als einige andere, die immer darauf achten, akzeptiert zu sein.“

In der Voltigierszene bist du eine Art Shootingstar, was ist das für ein Gefühl, hat sich vielleicht auch das Verhalten deines Umfeldes verändert?

Gerdes: „Auf jeden Fall – es ist ein tolles Gefühl, wenn sich alle für einen Interessieren, auch wenn es manchmal nervt. Es ist einfach schön, wenn meine Leistung auch Beachtung findet und nicht immer die Fußball- oder Handballspiele vom Wochenende.“

Gab es für dich nie den Moment, wo du dich für Fußball oder Handball begeistert hast?

Gerdes: „Doch, auf jeden Fall. Ich verfolge auch die wichtigen EM- oder WM-Spiele, für mich selbst ist das jedoch nichts, ich bin einfach im künstlerischen Bereich zuhause. Ballsport gehört nun einmal nicht zu meinen Talenten. Und jeder sollte das machen, was er am Besten kann und vor allem das, woran er am meisten Freude hat, nicht das was gerade angesagt ist. Der eine spielt halt leidenschaftlich Fußball und ich gehe eben voltigieren.“

Wieso voltigieren deiner Meinung nach so wenig Jungen?

Gerdes: „Erst einmal ist es so, dass Voltigieren gar nicht so bekannt ist. Viele Mädchen kommen daran, weil sie eigentlich reiten wollen und Pferde lieben – das ist bei Jungs ja schon einmal häufig eher nicht der Fall. Das ist auch eine Sache von Erziehung: Das Mädchen bekommt den Ponyhof zum Spielen, der Junge den Bagger. Viele wissen zudem gar nicht, wie viel Kraft und Ausdauer man beispielsweise braucht und nicht zuletzt sorgt die Kleidung bei manchen für Hemmungen. Viele haben einfach auch Angst vor Ausgrenzung. Nicht umsonst ist es so, dass im Kinderbereich etliche Jungen voltigieren und in den hohen Leistungsklassen – dazwischen sind sie eine echte Rarität. Das liegt unter anderem an den Vorurteilen und dem Gerede der anderen während der Pubertät. Außerdem glaube ich, dass es nicht viele Jungen gibt, denen das Künstlerische liegt. Das ist einfach so.“

Was rätst du verunsicherten Jungen?

Gerdes: „Wenn es ihre Leidenschaft ist, dann sollten sie sie auch ernst nehmen und sich nicht verstellen. Sie sollten über dem Gerede stehen, sich nicht beirren lassen und einfach ihr Ding durchziehen. Es kommen auch andere Zeiten – und da ärgert man sich vielleicht und fragt sich, was man alles verpasst hat.“

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