Zukunftsforscher antwortet Lüdenscheidern: Zurück aufs Land

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Max Thinius beantwortete Fragen von Lüdenscheidern nach einer möglichen Zukunft.

Lüdenscheid – „Müssen sich kleine und mittlere Städte damit abfinden, dass sie weiter an Bedeutung verlieren?“ Eine Frage, die das Team der „Wunderkammer der Zukunft“ mit Blick auf Lüdenscheid in den Fragenkatalog aufnahm. Der Futurologe Max Thinius aus Berlin war für den jüngsten Vortrag in der Zukunftsschmiede im Rahmen einer Videokonferenz zu Gast.

Seine Aufgabe: Fragen namhafter Lüdenscheider während der Konferenz zu beantworten und im Anschluss daran Stellung zu nehmen zu Themen, die Lüdenscheider im Vorfeld als Frage einreichen konnten. Die Lüdenscheider „Wunderkammer der Zukunft“ bezeichnete der Forscher als tolle Idee: „Jeder sollte so eine Kammer haben!“ In der knapp zweistündigen Videokonferenz, die inzwischen über Youtube zu sehen ist, referierte der Zukunftsforscher und Buchautor über seine Sicht in die Zukunft.

Natürlich stand auch die Corona-Pandemie im Themenkatalog, den sich das Wunderkammer-Team auf die Fahne geschrieben hatte. Beispielsweise die danach, wie eine Krisenbewältigung aussehen könnte. „Wenn sich Gruppen treffen und ihre Zeit damit verschwenden, sich über das gleiche Problem zu unterhalten, dann ändert das nichts. Dann gebe ich Corona die Macht über mich. Ich muss selbst herausfinden, was für Möglichkeiten ich habe, das Leben neu zu gestalten. Wie kann ich anders denken?“

Und auch auf die Frage, ob Corona den Umgang mit anderen Menschen langfristig verändern wird, ist in den Augen des Futurologen eine danach, wie der gesunde Menschenverstand mit den Folgen umgeht: „Wir begeben uns in die Abhängigkeit, in Städten mit weniger Lebensqualität zu leben, nur um schnell den Arbeitsplatz zu erreichen. Und wir zwingen unsere Kinder, mit sechs Jahren manchmal sechs Stunden auf einem Stuhl zu sitzen. Corona hilft uns, dass vieles offensichtlich wird. Wir werden immer wieder in Phasen der Unsicherheit leben. Aber es wäre falsch, wieder zurück zur bisherigen Normalität zu gehen.“

Große Firmen hätten damit größere Schwierigkeiten als die kleineren, die oftmals flexibler reagieren könnten. Als Denkanstoß, das Lüdenscheids Umfeld attraktiver zu gestalten, führte Thinius ein Beispiel aus Kopenhagen an. Dort habe man in unattraktiven Randbezirken Start-Up-Unternehmen etabliert und damit eine völlig neue Kultur entwickelt. Das ginge auch mit Gastronomie, dann könne man die Leute schnell für sich begeistern: „Aber was ihr für Lüdenscheid draus macht, müsst ihr selbst sehen!“

Digitalisierung eröffnet Chancen

Eine zunehmende Bedeutungslosigkeit kleinerer Städte sieht Thinius nicht: „Menschen ziehen zunehmend und gern wieder aufs Land“, so der Futurologe. Und hinzu komme der Aspekt des Homeoffices. Metropolen würden, so sein Blick in die Zukunft, weniger wachsen, ganz im Gegenteil zu den kleineren Städten. Allerdings: Die digitale Verbindung müsse ausgebaut werden. Und auch die Kreativität müsse unbedingt in den ländlichen Raum hinein entwickelt werden. Ohnehin, so der Zukunftsforscher, eröffne die Digitalisierung neue Chancen und Perspektiven.

Die "Wunderkammer" in den Museen - eine Zukunftsschmiede, in der Ideen entwickelt werden.

Anders denken lernen und nicht nur nach Fördertöpfen schreien – das ist die Quintessenz aus dem zweistündigen Blick in eine mögliche Zukunft. Der Euro sei in der jetzigen Form in fünf bis sieben Jahren verschwunden. 19 Länder, das Nord-Süd-Gefälle mit seinen vielen unterschiedlichen Parametern und nur eine Zentralbank führt Thinius als Begründung für seine These an. Ein elektronischer Euro und damit digitales Geld sei im Übrigen ebenso anonym wie Bargeld.

Weiterentwicklung des eigenen Wissens

Für die Zukunft sieht Thinius mehr Arbeit als Arbeitskräfte, aber eine andere Form des Arbeitens. Für eine bestimmte Zeit werde ein Projekt betreut, danach folgen die Weiterbildung und dann das nächste Projekt, „weil unser Wissen nur drei bis fünf Jahre reicht.“ Danach habe die Weiterentwicklung das eigene Wissen überholt. Lüdenscheid und seine Region sieht der Zukunftsforscher weit vorn mit den vielen autonomen Handwerksbetrieben, den Weltmarktführern und Familienunternehmen.

„Werden Meere bewohnbar sein?“ Klare Antwort: „Ich hoffe nicht!“ „Werden Touristen auf den Mond fliegen?“ Thinius: „Dieses oder nächstes Jahr schon!“ „Wie entwickelt sich die Mobilität?“ Der Futurologe: „Der ÖPNV wird eher zum I(ndividuellen)ÖPV, weil Homeoffice und Homeschooling an Bedeutung gewinnen. Das Elektroauto wird sich als Alternative durchsetzen!“

Und noch einen Aspekt schneidet der Berliner Zukunftsforscher in seinem Vortrag an: Kunst und Kultur. Schon immer sei die Kunst ein Helfer in allen Prozessen gewesen, um darzustellen und zu erklären. Kunst und Kultur seien die wichtigsten zu fördernden Themen innerhalb eines gesellschaftlichen Umschwungs: „Eigentlich sollte in jedem Wirtschaftsunternehmen ein Künstler sitzen!“

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