Diese Lehrerin gewinnt Gold - alle Fotos hier

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Theresa Sperling gewinnt die goldene Feder. Silber ging an Sven Kamin (links).

Lüdenscheid – Es war ein langes, heißes Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende entschied die Nordhorner Lehrerin Theresa Sperling das Jahresfinale des Poetry-Slams „Word of Wordcraft“ am Samstagabend im Kulturhaus für sich – hauchdünn vor dem Bremer Sven Kamin. Gute drei Stunden „Olympischer Wort-Sport“, wie es Moderator Marian Heuser bezeichnete, gingen voran.

Als Referenz an das Vorjahresfinale, bei dem zu Ehren des Stadtgeburtstages der nordrhein-westfälische Slam-Meister gekürt wurde, gab's ein paar Regeländerungen. Unter anderem wurde nicht der Beste unter den Siegern der Slam-Veranstaltungen des laufenden Jahres bestimmt, sondern ein Allstars-Paket präsentiert. Und was für eins: Mit Sven Kamin, Noah Klaus, Ella Anschein, Frank Klötgen, Theresa Sperling und Agnes Maier hatten die WoW-Macher mit spitzen Fingern sechs der Besten nach Lüdenscheid eingeladen.

Das zeigte sich schon zum Auftakt im voll besetzten Kulturhaus. Agnes Maier aus Graz, von Beruf und Slam-Inhalt her Hebamme, sicherte sich mit „Verabredung mit einer Hebamme“ als „Fachgebietsangehörige weiblicher Lenden“ 41 von 50 möglichen Punkten. Sie ging als erste Teilnehmerin ins Rennen, nachdem Marian Heuser in einer Erstaufführung seinen Slamtext als Sacrifice in Form eines Videos zeigte.

Poetry Slam Allstars Jahresabschluss

14 Gedichte und eine Zugabe lieferte der Münchner Frank Klötgen ab in einem sehr sympathischen Vortrag und mit völlig unzusammenhängenden Gedichten. 40 Punkte waren der Lohn. Theresa Sperling gehört zu den alten Hasen im Kulturhaus. Die Lehrerin aus Nordhorn hatte tiefsinnige Texte mitgebracht. „Rockstars“ hieß ihr erster Beitrag, bei dem das Lachen Tränen in die Augen trieb, allerdings auch gelegentlich im Hals stecken blieb. 47 Punkte – knapp unter der Höchstgrenze. Auch die junge Bonnerin Ella Anschein war nicht zum ersten Mal hier.

Sie outete sich für 44 Punkte in ihrem Text über GEZ als „öffentlich-rechtlicher Rundfunkfan“. Der im Vorfeld als „200-Kilo-Wortgranate“ angekündigte Sven Kamin aus Bremen schickte eine „Warnung an alle Deutschlehrer“ ins Publikum. Denn es könnte durchaus sein, dass sich eines Tages die in Reimschemata zerpflückten Gedichte fürchterlich an den Pädagogen rächen. Das Volk lag ihm zu Füßen – 50 von 50 möglichen Punkten regneten nieder. Damit war Frank Klötgen raus.

Noah Klaus aus Berlin als sechster Teilnehmer hatte es schwer, gegen die verbale Naturgewalt aus Bremen anzutreten. Sein Text über Werbung brachte 38 Punkte – und damit schied auch der Berliner aus.

 Die Reihenfolge der Halbfinalisten wurde ausgelost – Sven Kamin trat als erster Teilnehmer an mit „Tanz immer so, als wenn niemand zuschaut“. Auch ohne Mikrofon erreichte der Bremer mühelos die Estrade im großen Saal. Die Bewertung überraschte nicht: 50 von 50 Punkten. Ella Anscheins Halbfinaltext mit Gedanken über Krieg, Frieden und Freiheit bei einem Glas Wein am Rheinufer brachte 46 Punkte ein. Das Publikum wartete gespannt auf Theresa Sperling. Sie hatte sich einen Text namens „Argumentations-Strangulation“ ausgesucht, der auf die Internetkommentare jeder Art in Richtung „Fridays for Future“ abzielte – 50 Punkte waren ihr sicher.

Aber auch Agnes Maier mit ihrem Text über das Familienleben und der Hommage an ihren Vater fuhr 50 Punkte ein. Drei Teilnehmer also im Finale? Falsch, erläuterte Heuser, denn das Reglement sieht vor, dass die erste und letzte Punktzahl jeweils gestrichen wird. Könnte ja sein, dass zufällig ein Jurymitglied aus dem Publikum geschieden oder verwandt mit dem Slammer ist. Nur für den Fall, dass sich drei Slammer gleichzeitig fürs Finale qualifizieren, wird die im Vorfeld gestrichene Wertung mit einbezogen. Und das reichte für die Grazerin nicht. Sie erhielt die bronzene Feder.

Sven Kamin lieferte im Finale Blödsinn pur, einen Text über Muffins als Höhepunkt der Nachbarschaftsparty – „Ich hab nichts anderes mehr, aber für den Tiefsinn ist ja Theresa Sperling zuständig“, flapste der Bremer. War sie auch. „Heute“ hieß ihr Finaltext, inhaltlich aufgebaut auf der Frage an die Großeltern nach der Schuld im Nationalsozialismus

 Der Beifall zu später Stunde entschied schließlich darüber, dass die goldene Feder nach Nordhorn und die silberne nach Bremen ging. Und dass das Publikum im Kulturhaus nicht nur geslammten Blödsinn, sondern durchaus auch tiefsinnige Texte auf Höhe der Zeit goutiert – bis zum vergoldeten Schluss. 

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