Telefonate im Gerichtssaal: „Das war total ätzend“

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Die 1. große Wirtschaftsstrafkammer des Hagener Landgerichts: Vorsitzender Richter Andreas Behrens (M.) und seine Beisitzer Matthias Berg (r.) und Michael Krack.

Lüdenscheid - In einem Raum des Landgerichts lagern ganze Türme von Akten. Sie stammen von der Polizei, von der Staatsanwaltschaft, der Kreisverwaltung, der Justiz – aber auch von Telefongesellschaften, die auf Beschluss der Richter die Abhörung der Verdächtigen möglich gemacht haben. Und natürlich von den Angeklagten selbst, aus dem Büro des Bauunternehmers und seiner Frau und den Räumen ihres Wirtschaftsberaters. Die Kammer wird sie akribisch durcharbeiten.

Während der ehemalige Sachbearbeiter (59) aus dem Kreishaus – er war bis zu seiner fristlosen Kündigung 41 Jahre lang dort im Dienst – sein zögerliches Geständnis ablegt, reagiert der Bauunternehmer auf dem Sitzplatz hinter ihm immer wieder mit Kopfschütteln. Der mitangeklagte Wirtschaftsberater bleibt äußerlich reglos.

Auch, als die Kammer anordnet, Mitschnitte von Telefonaten im Gerichtssaal widerzugeben – zu einem Zeitpunkt, da weder der Bauunternehmer noch seine Frau noch sein Berater Gelegenheit hatten, sich mit einem Geständnis ein geringeres Strafmaß zu erkaufen. Der Verteidiger des Baulöwen, Rechtsanwalt Dominik Petereit, protestiert gegen die Anordnung der Kammer – aber vergeblich. Der Vorsitzende Richter Andreas Behrens sagt, er wolle „Waffengleichheit“ herstellen. Sechs Telefonate werden abgespielt.

In einem Gespräch sagt die Gattin des Bauunternehmers zu dem Mann aus dem Kreishaus: „Wir haben die Staatsanwaltschaft im Haus gehabt, das war total ätzend.“ Er: „Na super!“ Sie wieder: „Aber man hat doch nichts zu verbergen.“ Gegenüber ihrer Mutter sagt die 51-Jährige am Telefon unter anderem: „Da stecken die blöden Kühe vom Märkischen Kreis dahinter.“ Sie sei sich keiner Schuld bewusst. „Aber wenn so was erstmal rollt, ist das Scheiße.“ Ihre Verteidigerin Kirsten Petereit widerspricht der Verwertung des Gesprächs.

Im nächsten Austausch spricht der Bauunternehmer mit seinem Kumpel aus dem Kreishaus. „Die haben zehn Ordner mitgenommen und unsere Computer durchsucht.“ Er wisse nicht, „ob die nix anderes zu tun haben“. Und: „Mir werden sie vorwerfen, dass ich das Eigenkapital falsch angebeben habe.“ Aber sei der Bauherr dann nicht auch dran? „Der hat’s ja unterschrieben.“

Zu einem Bekannten aus der Lüdenscheider Baubranche sagt der Unternehmer: „Kann sein, dass die bei euch auch aufschlagen. Guck’ deine Unterlagen noch mal durch, und dann: mein Name ist Hase.“ Und: „Da war ein Russe, der hatte kein Eigenkapital, da haben wir ihm geholfen.“

Es gibt noch ein Telefonat der Gattin des Unternehmers. Darin fragt sie einen Bekannten: „Ist es möglich, dass wir das Haus auf unseren Sohn überschreiben? Man weiß ja nicht, was noch kommt.“ Wenn mal was sei, „dann fällt das nicht einfach raus.“ Rechtsanwältin Petereit widerspricht der Verwertung auch dieses Gesprächs. Das Gericht nimmt’s zu Protokoll.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9.30 Uhr im Saal 101 des Landgerichts Hagen fortgesetzt.

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