Moderne Beichtväter und Seelsorger

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Der Lüdenscheider Frisör Yves Bubert mit einem seiner Gäste. „Es geht immer um Kommunikation und Emotionen. Menschen brauchen das. Ohne geht es einfach nicht. Mir ist das sehr wichtig – auch im Kontakt mit den Menschen, die zu mir in den Salon kommen.“

LÜDENSCHEID - Sie haben ein offenes Ohr für die Probleme ihrer Mitmenschen. Sie können zuhören – und schweigen. Sie geben Ratschläge – wenn ihr Gegenüber es möchte. Von wem die Rede ist? Von den modernen Beichtvätern – oder auch Beichtmüttern, den Seelsorgern unserer Zeit. Wo man sie findet? In den Taxen, Kneipen und Frisörsalons Lüdenscheids.

Von Maike Förster

Angelika von der Horst nimmt seit 30 Jahren die Anrufe in der Taxi-Funk-Zentrale am Bahnhof entgegen. Und in vielen Fällen ist es mit der Bestellung eines Taxis nicht getan. „Die Menschen reden mit mir. Sie erzählen, dass sie zum Arzt müssen – zur Dialyse oder zur Chemotherapie. Sie berichten von Nöten und Sorgen“, erzählt Angelika von der Horst. Oft sind es Stammkunden, die ihr Herz ausschütten, wenn sie ein Taxi bestellen. Und manchmal trudeln bei Angelika von der Horst Anrufe ein, die mit einer Fahrt von A nach B rein gar nichts zu tun haben.

„Eine ältere Dame, die unsere Fahrer regelmäßig nach Hellersen fuhren, rief eines Tages an. Sie sagte: `Ich wollte nur Bescheid sagen: Ich fahre nicht mehr. Mein Mann ist gestern im Krankenhaus gestorben.’ Wir sind ja nur die Taxi-Zentrale – aber wenn man sich jahrelang regelmäßig spricht, dann entsteht da eine Verbindung“, versucht Angelika von der Horst das Verhalten der Fahrgäste zu erklären.

Patrick Tofote und seine Frau Jenny führen die Gaststätte „Hulda am Markt“. „Wir sind Psychologen. Wir hören zu, wenn unsere Gäste reden möchten.“

Die Fahrer der Taxi-Funk-Zentrale berichten Ähnliches. Eugen Czerny, Nabil Khemiri und Theodoros Kakanidis sind mit Leib und Seele Taxifahrer. Sie lieben ihren Beruf – auch, weil nie Routine aufkommt und weil ihnen der Kontakt zu Menschen wichtig ist. Nabil Khemiri gerät ins Philosophieren. Er spricht über die zunehmende Entfremdung in unserer modernen Welt, die Einsamkeit, in der viele Menschen – auch in Lüdenscheid – leben.

„Wann treffen wir denn noch auf Menschen? Wir kaufen im Internet ein und holen unser Geld am Automaten. Aber ein Taxifahrer – der ist noch ein echter Mensch und keine Maschine. Mit dem kann man noch reden.“ Und das tun seine Fahrgäste. Zuviel wird Nabil Khemiri und seinen Kollegen dieses Vertrauen, das ihnen von ihren Fahrgästen entgegengebracht wird, nicht. „Es entstehen Bekanntschaften, wenn man immer wieder die selben Menschen befördert“, sind sich Eugen Czerny, Theodoros Kakanidis und Nabil Khemiri einig.

Und da fällt es auch auf, wenn Stammkunden plötzlich nicht mehr anrufen und ein Taxi bestellen. „Dann machen wir uns Gedanken und fragen uns, was da wohl passiert ist“, erklären die drei Taxifahrer. Manchmal finden sie die Antwort in der Zeitung. „Dann sehen wir die Traueranzeigen und wissen plötzlich: Unser Fahrgast, den wir jahrelang kutschiert haben, ist tot.“ Es ist keine Seltenheit, dass die Taxifahrer an den Trauerfeiern ihrer ehemaligen Gäste teilnehmen. „Wir werden sogar extra dazu eingeladen“, erklärt Nabil Khemiri – der Stolz in seiner Stimme ist deutlich zu hören.

Angelika von der Horst arbeitet seit 30 Jahren in der Taxi-Funk-Zentrale am Lüdenscheider Bahnhof. Sie kennt ihre Stammkunden. Und sie weiß viel über deren Sorgen und Nöte. „Ich höre zu und gebe Tipps – wenn ich das kann.“

„Ich erledige in solchen Zeiten auch Fahrten für die Angehörigen, besorge Blumen oder übernehme andere Fahrten.“ Und nicht nur für Stammgäste haben die drei Fahrer ein offenes Ohr. „Wenn wir einen Gast befördern, fangen wir mit Small Talk an. Und dann merken wir sehr schnell, ob der Gast reden möchte oder nicht. Wenn jemand reden möchten, kann das auch in die Tiefe gehen“, berichten die Fahrer. Vieles gebe die Situation vor. „Wann ist man denn mit Menschen schon einmal so isoliert? Nur der Fahrer und der Gast in einem Taxi.“

Isoliert mit dem Gast – das ist auch Yves Bubert, wenn er Schere, Kamm und Fön schwingt. Der Lüdenscheider Frisör liebt seinen Beruf gerade wegen des engen Kontakts zu seinen Gästen. Intimität zeichne das Verhältnis aus. „Wenn man sich mal überlegt, wer einen am Kopf berühren darf – dann merkt man schnell, dass die Liste nicht lang ist. Ich als Frisör gehöre aber zu dem kleinen Kreis.“

Standardisierte Fragen mag Yves Bubert gar nicht. Mehr Tiefe – das ist sein Motto für das kommende Jahr. „Ich will den Menschen wirklich näher kommen, ich will Wahrheiten sehen, das Echte finden.“ Bei diesem Anspruch verwundert es nicht, dass Yves Bubert von seinen Gästen auch Nöte und Schicksalsschläge anvertraut werden. „Ja, Krankheiten wie Krebs, Tod, Verlust, Trennungen – darum kreist so manches Gespräch. Ich versuche dann, soweit mir das möglich ist, die Menschen aus ihrem Loch herauszuholen und zu motivieren.“

Oft höre er von seinen Gästen: „Yves, heute nehme ich ganz neue Gedanken mit nach Hause.“ Und das freue ihn sehr. Und auch er selbst gehe nicht leer aus. „Es ist ein ständiges Geben und Nehmen. Auch ich lerne viel aus diesen Begegnungen mit anderen Menschen, auch ich wachse daran.“

Theodoros Kakanidis, Nabil Khemiri und Eugen Czerny (v.l.n.r.): Drei Taxifahrer, für die ihr Beruf mehr ist als nur ein Job. „Wir lieben das“ erklären die drei Männer. Den Kontakt zu Menschen möchten sie nicht missen. „Deshalb kommt auch kein anderer Beruf in Frage.“

Ganz ähnlich geht es auch Patrick Tofote, der gemeinsam mit seiner Frau Jenny die Gaststätte „Hulda am Markt“ führt. „Es ist immer spannend und immer neu. Und manchmal frage ich auch ganz genau und immer wieder nach, weil ein Gast Fachmann in einem Spezialgebiet ist, das mich sehr interessiert. Dann kann ich lernen – und das finde ich großartig.“

In der Regel seien es aber doch vor allem Nöte und Sorgen, die seine Gäste ihm anvertrauen. „Wir hören viel. Sehr viel. Von Krankheit, Tod, Trauer – aber auch von schönen Ereignissen. Wir sind Psychologen – ja, und vielleicht auch Beichtväter.“ Natürlich, so merkt Patrick Tofote mit einem Lächeln an, bleibe das Beichtgeheimnis gewahrt. „Wenn wir hier in der Belegschaft von diesen Gesprächen mit den Gästen erzählen, fallen nie Namen. Das ist uns wichtig.“

Wichtig seien aber auch diese Gespräch. „Ich muss mit meiner Frau, mit dem Koch, der Putzfrau über das sprechen, was mir anvertraut wurde. Sonst nehme ich das alles zu 100 Prozent mit nach Hause. Und das ist auch nicht gut.“ Einen anderen Beruf zu ergreifen – nein, das kann sich Patrick Tofote nicht vorstellen. „Mir würden die Menschen fehlen – und die Gespräche.“

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