Tauchsieder-Attacke vor dem Landgericht

Lüdenscheid/Hagen - Ein glühender Tauchsieder auf der Wange: Schon dieses Detail zeigt, wie brutal die Auseinandersetzungen zwischen mehreren jungen Männern – vornehmlich Deutsch-Russen – im Oktober 2010 in Lüdenscheid waren. Seit heute steht ein heute 22-Jähriger in Hagen vor Gericht, weil er daran als Täter beteiligt gewesen sein soll.

„Das ist schwer zu vergessen“, sagte das heute 23-jährige Opfer zum Auftakt seiner Vernehmung im Landgericht und nahm die Ratlosigkeit vorweg, die einen Beobachter des ersten Verhandlungstages unweigerlich befallen musste: „Ich verstehe heute noch nicht, was die eigentlich wollten.“

Der Anlass war auf jeden Fall ein nichtiger: 20 Euro und eine Uhr sollen die beiden Opfer den beiden Tätern geschuldet haben. Keiner der Zeugen wusste etwas davon, und doch musste der Vorsitzende Richter Marcus Teich immer wieder danach fragen.

Denn es wäre zumindestens ein ganz schwaches Motiv für die Gewaltanwendung gegenüber den Opfern. Doch es zerbröselte immer mehr und ließ Raum für den Verdacht, dass damals ein großer Vorrat an Gewalt ausbrach, die sich irgendein relativ beliebiges Ziel suchte.

Schläge und Demütigungen sollen an jenem Abend eine räuberische Erpressung um Geld begleitet haben, die mangels Masse weitgehend erfolglos blieb. Zeugen berichteten, dass vor allem der Mittäter des Angeklagten damals „richtig“ zugelangt habe – auch mit dem Tauchsieder und einem Versuch, Finger zu brechen.

Das Opfer belastete aber auch den Angeklagten. „Er stand mit dem Messer vor mir und drohte mich abzustechen.“ Doch nicht mal die Brandblasen nach der Tauchsieder-Attacke wollte der Angeklagte gesehen haben.

Er bestritt die Vorwürfe: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Zeugen unterstützten diese Aussage. „Er hat nur zugeguckt“, bestätigte das zweite Opfer und berichtete, wie der Haupttäter seinen Kopf ins Klo gehalten und ihm mit einer Schere in die Haut zwischen die Finger geschnitten habe.

Aber auch daran sei der Angeklagte nicht direkt beteiligt gewesen. Feuerte er seinen Mittäter an? Auch so etwas erinnerte niemand. „Er hat nicht viel gemacht – nur dagesessen und zugeguckt“, versicherte ein weiterer Zeuge.

Wegen der nichtigen Motive begann die Suche nach anderen Ursachen des Gewaltausbruchs: Zwar behauptete der Angeklagte, er habe damals nur wenig Drogen genommen – allenfalls ein paar Aufputschmittel. Doch fast alle Zeugen versicherten, dass damals ganz viele Drogen im Spiel waren: „Von morgens bis abends Konsum – Amphetamine, Gras und Alkohol“, erinnerte sich ein 24-Jähriger.

Vom möglichen Täter zum Opfer wurde der Angeklagte, als der Bruder des Mannes mit den Brandblasen später glaubte, die Sache persönlich in die Hand nehmen zu müssen. Auch wegen zahlreicher anderer Straftaten kassierte der 28-Jährige vor einem Jahr eine Haftstrafe von sieben Jahren.

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