"Tattoo-Dirk" aus Lüdenscheid - vom Schlachter zum Tätowierer

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Heute seit 25 Jahren im Geschäft: Der Lüdenscheider Tätowierer Dirk Schwarz.

Lüdenscheid - Der Tätowierer Dirk Schwarz, in LÜdenscheid als "Tattoo-Dirk" bekannt, blickt auf bewegte Zeiten zurück. Vor genau einem Vierteljahrhundert eröffnete er sein Studio an der Worthkreuzung.

Es ist nicht einfacher geworden. Das Los der Selbstständigkeit heißt: fast 20 Jahre nicht mehr im Urlaub gewesen, ein altes Auto vor der Tür, bloß nicht krank werden – und dann noch Corona. 

Dirk Schwarz (53) ist dennoch überzeugt, dass er alles noch einmal genau so machen würde. „Ich habe mein Hobby zu meinem Beruf gemacht.“ Allein das wäre ein Grund zum Feiern. 

Stattdessen feiert der Lüdenscheider Jubiläum. Heute vor 25 Jahren hat der Tätowierer sein Studio eröffnet. Das zurückliegende Vierteljahrhundert „an der Nadel“ war für Dirk Schwarz pausenlos von Veränderungen geprägt. 

Seinem Standort an der Worthkreuzung ist er allerdings so treu geblieben wie seinem Anspruch an Professionalität und Dienstleistung. Wo heute die Pizzeria Da Niko firmiert, mietete sich der junge Metzgergeselle am 1. August 1995 ein – wild entschlossen, sein Tattoo-Studio zum Erfolg zu führen. 

Genug Platz für zwei

In dieser Zeit, erinnert sich „Tattoo-Dirk“, gab es nur einen einzigen Mitbewerber in der Kreisstadt. „Tattoo-Achim“ Kuschel hatte bereits einen kleinen festen Kundenstamm. Doch der Trend, dass Bilder auf der Haut salonfähiger wurden, sorgte für Zuversicht: Es ist genug Platz für zwei „Stecher“ in Lüdenscheid. 

Achim Kuschel starb 2007. Da hatte sich Dirk Schwarz längst aus seinem erlernten Beruf und von seinem Arbeitsplatz im Schlachthof Brunke am Bräuckenkreuz verabschiedet – „obwohl es da eigentlich sehr gut war“. 

Aber Dirk entschloss sich 2001, sechs Jahre nach Eröffnung seines Studios, für den Hauptberuf des Tätowierers. Dieser Veränderung folgte gleich die nächste: Das Haus, in dem er sein Studio betrieb, wurde verkauft, „ich musste raus“. 

Schräg gegenüber, in Sichtweite, suchte ein Blumenhändler gerade einen Nachmieter. Glück gehabt! Die Kunden, die sich von Dirk Schwarz tätowieren lassen, „waren von Anfang an Querbeet“, so der 53-Jährige. Aus allen Schichten und Berufen, dicke, dünne, Vorbestrafte, Unbescholtene, „auch ein paar Rocker“, anfangs viel mehr Männer als Frauen. 

Das ist anders geworden. „Heute kommen mehr Frauen als Männer zu mir.“ Und er hat die Beobachtung gemacht: Frauen trauen sich mehr, lassen größere Bilder stechen, sind bunter und tragen ihre Tattoos häufiger an gut sichtbaren Stellen, „sogar am Hals und bis hoch zu den Ohren“. 

Er ist dazu da, Wünsche zu erfüllen „nur Porträts nicht, das lehne ich ab“. Da gibt’s Kollegen, die sind spezialisierter, sagt Dirk Schwarz. 

Eher „Old School“ 

„Old School“, das ist schon eher sein Ding, zackige Tribals, geschwungene Ornamentik, Schriftzüge, auch schon mal die Unterschrift des verstorbenen Vaters eines Kunden, immer mehr auch römische Ziffern. 

Die meisten der Farben, die er verwendet, sind vegan, „die Leute fragen danach“. Und die Nadeln werden nicht, wie früher, mühsam sterilisiert, sondern nach Gebrauch weggeschmissen. 

Während der Tätowierer erzählt, kommt ein Mann ins Studio, seine Freundin bleibt vor der Tür. „Mein Schatz möchte gerne eine Blume auf die Schulter, was kostet das?“ Der Meister macht’s kurz: „60 Euro.“ Gespräch beendet. Bis bald! 

Es ist halt nicht einfacher geworden. „Neun Tattoo-Studios gab es mal in Lüdenscheid“, sagt der „Stecher“. „Jetzt sind es noch sieben oder acht.“ Aber überall in den umliegenden Städten seien sie „zugange“, eröffnen Studios, kriegen Gewerbescheine und die Erlaubnis des Gesundheitsamtes, werben im Internet, machen Mundpropaganda. „Das ist einfach zu viel!“ 

Dazu kommen nach den Worten des 53-Jährigen „alleine in Lüdenscheid bestimmt 20 private Tätowierer, die das zuhause ohne Lizenz machen“. 

Begünstigt wird der Trend durch eine kaputte Preispolitik. „Früher kostete eine Maschine locker 1000 Euro, heute kannst du dir das Zeug samt schlechten Farben und Einwegnadeln für 40 Euro im Internet bestellen, aus China.“ Und der fehlende Zusammenhalt in der Szene der Profis in Lüdenscheid sei auch nicht gerade förderlich. 

Seit der Wiedereröffnung seines Studios nach zwei Monaten Corona-Lockdown zehrt Dirk Schwarz mühsam von der Soforthilfe der Landesregierung. „Aber ich befürchte, eine zweite Welle würde vielen von uns das Genick brechen.“ Derzeit liegt das Einkommen bei 50 Prozent. 

Drei bunte Männer 

Zu seinem Jubiläum gönnt sich der Tätowierer einen Rückblick. Zum Beispiel auf Hans Schwarz, pensionierter Baggerführer, die „Keule vom Bau“, Dirks Vater, wandelnde Galerie, groß tätowiert. 

Der Sohn erzählt: „Mein Papa hat sein erstes Tatto bei dem legendären Herbert Hoffmann in Hamburg gekriegt, der betrieb damals Hamburgs erstes Studio mit einer richtigen Lizenz.“ Der Laden hieß „Älteste Tätowierstube in Deutschland“. 

Hinter Dirk an der Wand hängt ein Foto: Drei bunte Männer, Herbert Hoffmann in der Mitte, links und rechts Dirk und Hans aus Lüdenscheid. 

Das Pärchen hat sich vor der Tür kurz über den Preis für die Blume beraten – und ist dann gegangen. Es wäre heute sowieso nichts geworden. Tattoos gibt’s nur nach Terminabsprache.

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