Kein Einzelfall

Tatort Klinikum: Ehering nach 54 Jahren einfach weg

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Udo Trebing präsentiert den Schriftverkehr mit dem Klinikum in Hellersen: Nach 54 Ehejahren hat er seit der Hautkrebs-Operation im März seinen Ehering nicht mehr.

Lüdenscheid - Immer wieder beklagen Patienten im Klinikum Verluste von persönlichen Wertsachen. Jetzt spricht ein Opfer über die Erfahrungen in dem Krankenhaus.

Wenn sich die Einzelfälle häufen, zeichnet dies mitunter ein deutliches Bild von einem großen Ganzen. Im konkreten Fall ist es ein Bild von Zuständen, die mindestens stark verbesserungsbedürftig, wenn nicht gar untragbar sind. 

Der Verlust von Hörgeräten – nach den Rückmeldungen auf den Bericht der Lüdenscheider Nachrichten über eine 100-jährige Frau, die ohne Hörgeräte aus dem Klinikum zurückgekommen ist und deren Verlust die Versicherung des Klinikums nicht tragen will, zu urteilen – kommt nämlich wohl in Hellersen durchaus häufiger vor. Handy, Brille, Schmuck, sogar ein Gebiss – auch dies sind Dinge, die Lesern oder Angehörigen von Lesern in Hellersen abhanden gekommen sind. Gerade in Corona-Zeiten und gerade bei älteren Menschen. Das Bild, zu dem sich die Einzelfälle verdichten, kann dem Klinikum bei aller nüchtern-bürokratischen Art des Umgangs mit derlei Fällen nicht gefallen. 

Der Fall von Udo Trebing ist so ein Fall. „Die Leute im Krankenhaus sind alle sehr nett gewesen“, sagt der Lüdenscheider und aus den Worten klingt durch, dass er sich gut aufgehoben gefühlt hat im Krankenhaus im Lüdenscheider Süden. Sehr gut sogar. Aber wiegt das seinen Verlust auf? 

Am 3. März war Trebing ins Krankenhaus gekommen. Aufgrund seines Hautkrebses war eine Operation notwendig geworden. Medizinisch sollte er gut versorgt werden. Doch als er nach der Narkose in den Operationssaal geschoben wurde, forderte ihn „eine weibliche Stimme“ auf, den Ehering abzulegen, weil er diesen bei der Operation nicht tragen dürfe. „Ich bin da von einer Ärztin und einer Schwester versorgt worden“, sagt Trebing, der aufgrund der Narkose nicht mehr genau weiß, ob es die Ärztin oder die Schwester war, die ihn aufforderte, den Ring abzulegen. Der Ring kam zu seinen Unterlagen. Dort wolle man darauf aufpassen, versprach man Trebing. 

Als er indes nach der Operation im Aufwachraum wieder zu sich kam, waren seine Unterlagen zwar da, der Ring indes war nicht auffindbar. Trebing fragte nach dem Ring, die Pfleger und Schwestern suchten auf der Station. „Aber der Ring war nicht auffindbar“, sagt Trebing – nach 54 Jahren Ehe war der Ring einfach nicht mehr da. „Wenn man mir das frühzeitig gesagt hätte, hätte ich ihn im Zimmer im Safe eingeschlossen“, sagt Trebing traurig. Die Instruktion indes kam dafür zu spät. 

Trebing wandte sich nach seiner Entlassung am 15. März mit einem Schreiben ans Krankenhaus, zeigte dort den Verlust des Eherings an. Die Reaktion ist es, die ihn im Nachgang ein Stück weit fassungslos zurücklässt. Am 30. März antwortete die Verwaltung. „Leider konnten wir Sie am 30. März 2020 nicht erreichen“, heißt es im Wortlaut des Schreibens und weiter: „Hiermit müssen wir Ihnen mitteilen, dass ein Versäumnis unserer Mitarbeiter nicht zu erkennen ist. In unserer Hausordnung wird darauf hingewiesen, wie mit persönlichen Gegenständen umgegangen werden muss. Hier ist auch zu entnehmen, dass der einfache Diebstahl nicht versichert ist. Dieses haben Sie mit ihrer Unterschrift zur Kenntnis genommen. Aus diesem Grund müssen wir Ihre Entschädigungsforderung ablehnen.“ 

Abschließend noch der Satz: „Wir bitten um Kenntnisnahme und verbleiben mit freundlichen Grüßen...“ Mehr nicht. Kein Wort des Bedauerns an einen Menschen, der gerade nach 54 Jahren Ehe ein Erinnerungsstück, das ideell ohnehin überhaupt nicht zu ersetzen ist, verloren hat. Empathie Fehlanzeige... 

„Es ist traurig, dass die Verwaltung so kalt darüber hinweggegangen ist. Das ist es, was mich am meisten ärgert“, sagt Trebing, der inzwischen von seiner Versicherung aufgrund der Langjährigkeit seiner Mitgliedschaft signalisiert bekommen hat, dass sie einen Teil des Schaden übernehmen will. Seine Ehefrau hat ihren Ring noch. Trebing überlegt, seinen Ring anhand des anderen einfach noch einmal fertigen zu lassen. Er weiß nicht, was das kostet. Aber er hätte gern auch im 55. Jahr seiner Ehe den Ring, mit dem er so viele schöne Erinnerungen verbindet, auch wenn es dann nicht mehr das Original ist. 

Im Mai musste Trebing noch einmal ins Klinikum. Der Senior landete wieder bei der Ärztin, die auch vor der Operation gemeinsam mit der Schwester mit ihm gesprochen hatte. „Ich habe ihr die Geschichte von dem Ring erzählt“, sagt er, „sie hat es sich angehört und versprochen, noch einmal danach zu forschen.“ Er hat von der Ärztin und auch vom Krankenhaus zu diesem Thema nichts mehr gehört.

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